Donnerstag, 8. Februar 2018

Dokumentiert: Ein Satz im Koalitionsvertrag

Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, 2018:

Wir bekennen uns zum Schutz und zur Förderung der vier nationalen Minderheiten in Deutschland – Dänen, Sorben, Friesen sowie Sinti und Roma.

Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, 2013:

Wir stehen zu den eingegangenen Vereinbarungen europäischer Minderheitenpolitik und verpflichten uns weiterhin zur Förderung der vier nationalen Minderheiten in Deutschland – Dänen, Sorben, Friesen sowie deutsche Sinti und Roma – und der deutschen Minderheit in Dänemark sowie den deutschen Minderheiten in Mittelost- und Südosteuropa und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

Die sorbische Sprache und Kultur als Ausdruck der Identität des sorbischen Volkes gilt es zu bewahren. Daher wollen wir die Arbeit der Stiftung für das sorbische Volk langfristig sicherstellen und dafür den Bundeszuschuss sichern.


Zum Vergleich die drei (!) Absätze im aktuellen Koalitionsvertrag, die sich auf deutsche Minderheiten im Ausland beziehen (also Menschen, die von dieser Regierung überhaupt nicht regiert werden):

Wir bekennen uns weiterhin zur besonderen Verpflichtung gegenüber den Deutschen in Mittelosteuropa und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, die als Aussiedler unSpätaussiedler zu uns kamen oder als deutsche Minderheiten in den Herkunftsgebieten leben. Wir wollen die nationalen Minderheiten in Deutschland und die deutschen Minderheiten in Dänemark, in Mittelost- und Südosteuropa und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion weiter fördern. Wir wollen die Maßnahmen zum Erhalt des kulturellen Erbes der Heimatvertriebenen, der Aussiedler und der deutschen Minderheiten unter ihrer Einbeziehung gegebenenfalls auch strukturell weiterentwickeln. (ab Zeile 6340)

Die deutschen Volksgruppen und Minderheiten sind Teil unserer kulturellen und historischen Identität, bereichern die kulturelle Vielfalt in ihren Ländern und stellen ein wichtiges Band der Verbindung zwischen  Deutschland und seinen Partnerländern dar. Wir wollen sie weiter fördern und unterstützen. (ab Zeile 7363)

Das kulturelle Erbe der Deutschen in Mittel- und Osteuropa und das Kulturgut der Vertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler sind wichtige Bestandteile der kulturellen Identität Deutschlands. Wir wollen die im Sinne des §96 des Bundesvertriebenengesetzes tätigen Einrichtungen gemeinsam mit den Heimatvertriebenen, Aussiedlern und deutschen Minderheiten als Träger dieses Erbes sowie im Sinne der europäischen Verständigung für die Zukunft ertüchtigen und die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen stärken. (ab Zeile 8107)

Freitag, 12. Januar 2018

Sorben und Sachsen – warum das kein Gegensatz ist


Dass in Sachsen Sorben leben, ist kein großes Geheimnis. Dass einer von ihnen die letzten Jahre Ministerpräsident des Freistaates war, ebenfalls nicht. Die aktuelle Debatte um die – auf vielen Ebenen unhaltbare – Aussage eines sächsischen Dorfbürgermeisters, Michael Kretschmer sei „der erste sächsische Ministerpräsident“ (nach zweien „aus den westlichen Bundesländern […] und einem Sorben“; sh. hier, ab 40:13) zeigt allerdings wieder einmal bedenkliche Bewusstseinslücken, was die Rolle der Sorben in Sachsen anbelangt – und zwar sowohl bei jenen, die diesem Unsinn nicht widersprechen und nicht widersprochen haben, als auch bei manchen, die Kretschmer und den MDR nun für ihre fehlende Intervention an jener Stelle kritisieren.
Stanislaw Tillich (CDU, CC-BY-SA 3.0)

Stanislaw Tillich, kein Sachse also. Wie denn auch, mit einem solchen Namen?¹ Gerade ihm, dem doch seine Partei als erstem in Sachsen geborenen² Ministerpräsidenten nach der Wende sogar den markigen Plakatspruch „Der Sachse“ verliehen hatte und der immerhin neun Jahre dem Freistaat vorstand, wird in einer Sendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – unwidersprochen – ganz nebenbei die sächsische Bürgerschaft entzogen. Ausgestoßen. Ein Fremder, keiner „von uns“. Diese Ausgrenzung stieß – leicht verspätet – auf medialen Rückhall, in den deutschen Medien erst einige Wochen nach besagter Sendung und nachdem der ehemalige Domowina-Vorsitzende Jan Nuk sie in Serbske Nowiny thematisiert und der Arzberger Bürgermeister sich in eben jener Zeitung entschuldigt hatte, er habe es „nicht so gemeint“.

Unmöglich ist die Bemerkung nicht nur, weil sie einen Teil der angestammten Bevölkerung des Freistaates – und zufällig jenen mit nicht-deutscher Muttersprache – einfach mal so „ausbürgert“, womit insbesondere Deutsche vor dem Hintergrund ihrer Geschichte sehr vorsichtig sein sollten. Unmöglich ist sie auch, weil „Sachse“ und „Sorbe“ schlicht keine Gegensätze sein können. Es handelt sich um grundverschiedene Kategorien, wobei eine die territoriale Herkunft, die andere die ethnische Zugehörigkeit beschreibt. Sachse ist, wer auf dem Gebiet des Freistaates Sachsen ansässig ist. Ob er zuhause Deutsch, „Sächsisch“³ oder eben Sorbisch spricht, ist dafür völlig egal.

Wer ist Sachse?
Laut Sächsischer Verfassung, Artikel 5, gehören „dem Volk des Freistaates Sachsen […] Bürger deutscher, sorbischer und anderer Volkszugehörigkeit an.“ Die Verfassung meint hier Deutsche und Sorben im ethnischen Sinne, denn „Deutsche im Sinne des Grundgesetzes“, also deutsche Staatsbürger, sind Sorben selbstverständlich auch. Und sie schreibt bewusst „Deutsche und Sorben“, nicht etwa Sachsen. Das tut sie aus einem ganz einfachen Grund: Eine Ethnie der „Sachsen“ gibt es nicht (mehr) – und gab es auf dem Territorium des heutigen Freistaats auch nie, ebensowenig wie eine „Sächsische Sprache“. Der germanische Stammesbund der Sachsen lebte historisch zwischen der heutigen niederländischen Grenze im Westen und der unteren Elbe im Osten (also im heutigen Niedersachsen), wo seine Nachbarn slawische Stämme waren, die eine dem Sorbischen eng verwandte Sprache verwendeten. Die heutigen „Sachsen“ dagegen stammen nicht von jenem Volk ab, sondern zum Teil von fränkischen und thüringischen Kolonisten, die ab dem 12. Jahrhundert in die sorbisch besiedelten Gebiete zwischen Saale und Neiße einwanderten, zum Teil von späteren Einwanderern (u.a. hunderttausenden Umsiedlern aus Schlesien) und – zum großen Teil, wie man u.a. an ihren Familiennamen erkennen kann – eben von der sorbischen Vorbevölkerung. Da sich diese Linien über die Jahrhunderte selbstverständlich vermischten, trifft auf die meisten Sachsen wohl alles davon zu. Nicht auszuschließen ist, dass einige Sachsen sogar tatsächlich ethnisch sächsische Vorfahren haben – die Regel dürfte es nicht sein.
Sorben – irgendwie anders (Buchempfehlung: Elka Tschernokoschewa, Das Reine und das Vermischte. Die deutschsprachige Presse über Andere und Anderssein am Beispiel der Sorben. Waxmann, 2000.)
Sorben – Fremd und anders?
Verschiedentlich wurde der Nebensatz des Arzberger Bürgermeisters (in dessen Gemeinde  Orte so wunderbare Namen tragen wie Kaucklitz, Köllitsch und Triestewitz) in den letzten Tagen auch in deutschen Medien aufgegriffen und thematisiert. Die Ausgrenzung Tillichs, sein Herauswurf aus dem (nicht existenten) „sächsischen Volk“, wurde dabei auch in Zusammenhang gebracht mit dem in Sachsen stärker als anderswo verbreiteten „Fremdenhass“, der sich nun schon gegen die „eigene Minderheit“ richte, also gegen alles „Andere“ im Freistaat. Das Problem an dieser Stelle ist nur Folgendes: Wir Sorben sind in Sachsen weder „fremd“, noch „anders“. Wir sind Einheimische, deren Vorfahren dieses Land vor mehr als 1300 Jahren besiedelt haben.

Stanislaw Tillich – dem mancher es wohl übel nahm, dass er seine sorbische Muttersprache nicht verleugnete – sagte einmal, man könne darüber debattieren, wer „zuerst hier war“ – Sorben oder Deutsche. Nein, kann man nicht. Vor der Einwanderung besagter Kolonisten ab dem 12. Jahrhundert sprachen die Einwohner des heutigen Sachsens – Milzener, Daleminzier, Besunzane und ihre verwandten Stämme, die an Neiße, Spree, Elbe und Mulde lebten – kein „Deutsch“ (und erst recht kein „Sächsisch“), sondern verschiedene slawische Mundarten der sorbischen Gruppe. Und natürlich nannten sie sich auch nicht „Sachsen“, sondern höchstwahrscheinlich „Sarby“, „Serby“ oder „Sorby“. Als slawischsprachige Sorben erhalten geblieben sind einzig einige Nachfahren der Milzener in der Ober- und der Lusitzer in der Niederlausitz. Was aber geschah mit dem Rest? Wo sind die Nachfahren der Daleminzier und Besunzane?

Wer war eher da?
Nahezu das gesamte Territorium des heutigen Freistaats – abgesehen von den gebirgigen Regionen am Südrand – hat (auch) eine sorbische Geschichte. Nur ist sie in den meisten Gegenden eben schon etwas länger her als in der Lausitz, wo es noch vor 130 Jahren Orte gab, in denen die wenigsten Bewohner Deutsch beherrschten. Dass Orte in Sachsen aus dem Sorbischen stammende Namen wie Dresden („Auenbewohner“), Leipzig („Lindenort“), Chemnitz („Steinbach“) oder Oelsnitz („Erlenbach“) tragen, ist schließlich kein Zufall. Es liegt schlicht daran, dass die meisten sächsischen Städte sich aus sorbischen Dörfern entwickelten. Aus dem selben Grund sind slawischstämmige Familiennamen wie Noack, Pietsch oder eben auch Kretschmer in ganz Sachsen verbreitet.

Nun sind die Sorben von Leipzig, Dresden und Chemnitz nicht einfach verschwunden, sie wurden nicht vertrieben und auch nicht ethnisch gesäubert und durch Deutsche ersetzt. Nein, sie haben schlicht im Laufe der letzten acht Jahrhunderte ihre sorbische Sprache abgelegt und wurden zu Deutschen. Ja, ethnische Zugehörigkeit und Muttersprache lassen sich wechseln – zugegeben ebenfalls eine Binsenweisheit, die heutzutage nicht sonderlich populär ist. Aus Sorben können Deutsche werden – und umgekehrt, wofür es in der Lausitz einige Beispiele gibt. Wie dieser Prozess abläuft, lässt sich bei uns rund um Bautzen bis heute beobachten. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg war die Bevölkerungsmehrheit in Orten wie Malschwitz oder Guttau sorbischsprachig und es gab eine Reihe sorbischer Vereine, die in diesen Orten wirkten. Heute leben dort nur noch ein paar einzelne Sorben, aber das heißt nicht, dass die anderen verschwunden wären. Nein, sie sind schlicht die Vorfahren der heutigen Bewohner, freilich mit der Ausnahme jener Familien, die nach 1945 aus Schlesien zuwanderten oder noch später aus anderen Gegenden hinzukamen.

Das zeigt gleichermaßen, dass die Debatte darüber, wer „eher da war“, einigermaßen sinnlos ist. Wir können anhand der Siedlungsgeschichte zweifelsfrei feststellen, dass zuerst Sorbisch und erst später Deutsch gesprochen wurde. In einigen Lausitzer Dörfern hielt das Deutsche erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts Einzug.

Die Frage, wer „Erster“ war, ist jedoch auch generell irreführend, eben weil die Mehrheit der heutigen „Sachsen“ über kurz oder lang zumindest zum Teil von der sorbischsprachigen Vorbevölkerung abstammt, auch wenn das den meisten nicht bewusst sein mag – übrigens auch vielen Sorben nicht. An diesem Punkt führt selbst die sächsische Verfassung in die Irre, die die Existenz zweier voneinander getrennter Staatsvölker in Sachsen nahelegt. Tatsächlich ist natürlich sowohl der Wechsel von der einen in die andere Gruppe als auch eine doppelte Identifizierung ohne Weiteres möglich. Um die Perspektive zu wechseln, könnte man daher auch von einem einheitlichen „sächsischen Staatsvolk“ sprechen, dessen kleinerer Teil bis heute Sorbisch spricht, während der größere Teil die Sprache irgendwann im Laufe der letzten 45 Generationen gewechselt hat.

Bewusstseinslücken

Ein großes Problem bleibt, dass dieser sorbische Teil der sächsischen Geschichte den wenigsten im Freistaat überhaupt bekannt ist. Als Sorben kennen sie jenes bunt gekleidete Völkchen zwischen Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda, dass zu Ostern durch die Gegend reitet und Eier bemalt. Dass diese Leute und ihre „fremde“ Sprache irgendetwas mit ihnen, ihrer Heimat und ihrer Familiengeschichte zu tun haben könnten, kommt ihnen überhaupt nicht in den Sinn. Leider beschränkt sich schon der Heimatkundeunterricht, und zwar nicht nur außerhalb der Lausitz, auf eben genau dieses Sorbenbild, anstatt zu erwähnen, aus welcher Sprache die Namen beinahe aller größeren sächsischen Städte und ein Großteil der Familiennamen der „Sachsen“ stammen. Und die Tatsache, dass sich der MDR mit einer halben Stunde sorbischen Fernsehens monatlich (!) begnügt, während es in Österreich immerhin für ein halbstündiges Magazin in der Woche auf Slowenisch und Burgenlandkroatisch reicht, macht das Ganze nicht besser. Projekte wie der erst kürzlich erschienene Film „Die Slawen – unsere geheimnisvollen Vorfahren sind ein guter Ansatz, das zu ändern, auch wenn rätselhaft bleibt, warum die interviewten sorbischen Wissenschaftler nur in der sorbischsprachigen Version des Films, nicht jedoch in der deutschen zu Wort kommen. Vielleicht würde ja ein größeres Bewusstsein über die slawischen Wurzeln dieses Landes sogar der einen oder anderen leidigen Debatte um finanzielle Mittel für den Erhalt und die Entwicklung sorbischer Sprache und Kultur einen anderen Ton – und eine andere Wichtigkeit – verleihen.


Sorbische Sprache und Kultur sind untrennbar mit Sachsen verbunden und haben dessen Geschichte und seine Bewohner über lange Zeit mitgeprägt – in der Lausitz bis heute. Dass man diesen Teil der eigenen Identität, die doch besonders in Sachsen gerne hochgehalten wird, des Öfteren vergisst, in schlimmeren Fällen gar verleugnet, ist erstaunlich in einem Land, dass oft (zu oft?) darauf bedacht ist, seine Eigenheiten zu bewahren. Dass zu diesen Eigenheiten auch der Umstand zählt, dass der Großteil Sachsens und seiner Bevölkerung eben nicht nur eine „deutsche“ Geschichte hat, gehört allen Sachsen ins Stammbuch geschrieben. Vielleicht lassen sich dann ja auch einige andere Probleme etwas entspannter angehen.


Update: Michael Kretschmer hat nach einem Treffen mit sorbischen Vertretern am 25. Januar (Vogelhochzeit) dann doch noch einmal klargestellt, dass die Sorben zu Sachsen gehören:

 https://twitter.com/MPKretschmer/status/956459126627885056




1: Darauf zielte auch der in Sachsen und insbesondere beim MDR-Publikum äußerst populäre Kabarettist Uwe Steimle mit seiner Nebenbemerkung in der WDR-Sendung „Mitternachtsspitzen“ vom 23. Mai 2015, wo er nicht nur antisemitische Stereotypen bediente, sondern Tillich auch als „unseren sorbischen Ministerpräsidenten“ bezeichnete und höhnisch ergänzte: „Das hört man ja, Stanisław, das ist ein deutscher Name.“ (sh. hier, ab 05:20) Diesen "Witz" erzählt Steimle im Übrigen schon seit einer Weile.

2: Und zwar in Neudörfel/Nowa Wjeska im heutigen Landkreis Bautzen, einem Ort, der bis heute mehrheitlich sorbischsprachig ist.
3: Die Anführungszeichen beziehen sich darauf, dass im linguistischen Sinne kein Mensch in Sachsen die (ausgestorbene) Sächsische Sprache spricht.
4: Freilich sind nicht alle Sorben gleichzeitig Sachsen, sondern manche – nämlich jene in der Niederlausitz – stattdessen Brandenburger. Komischerweise hat man noch nie gehört, dass ihnen diesen Status irgendwer im nördlichen Nachbarland hätte aberkennen wollen. Zugleich würde auch kein Mensch auf die Idee kommen, von der Existenz einer „brandenburgischen Ethnie“ zu fabulieren. 
Des weiteren fühlen sich längst nicht alle sächsischen Sorben auch als „Sachsen“, wie u.a. eine Untersuchung von Leoš Šatava zu Sprachverhalten und ethnischer Identität bei sorbischen Schülern zeigte. Das jedoch ist eine individuelle Entscheidung, die noch lange niemanden berechtigt, uns im eigenen Land mal eben zu „Fremden“ zu erklären.
5: Hervorhebung im Titel durch mich.

Donnerstag, 5. Januar 2017

Aus längst vergangenen Zeiten






Ja, diese Sorben sind schon ein putziges Völkchen. Wenn sie sich nur nicht immer überall breitmachen würden.

Mittwoch, 13. Mai 2015


16.05.15 // 20h // Kamjentny dom (Steinhaus) Budyšin // Zastup: 10/7 eurow

Samstag, 28. März 2015

Das Tausendjährige Miteinander

Anmerkung: Nachfolgender Text ist undifferenziert und polemisch. Wie immer ist die ganze Geschichte deutlich facettenreicher als hier dargestellt. Die Zuspitzung dient hier einzig und allein der Entlarvung einer sinnentleerten Phrase.

Schon seit Monaten wird nun auch in deutschen Medien über mutmaßlich rechtsextrem motivierte Angriffe gegenüber Sorben berichtet, die im Jahr 2014 mit der physischen Bedrohung sorbischer Jugendlicher auf sorbischen Dörfern – also zuhause – eine gewisse neue Dimension erhielt. Pünktlich zur Hauptversammlung der Domowina widmet sich die FAZ noch einmal demselben Thema. Der Anlass ist wohl, dass erste Verdächtige gefasst wurden. Was ja ein gutes Zeichen wäre. Dazu gibt es ein paar O-Töne von Diana Pawlikowa, Jan Nuk, David Statnik, Alfons Ryćer und Stanisław Tillich. Wobei mir nicht einleuchtet, was letzterer mit sorbischer Politik zu tun haben soll (sh. Vattenfall), aber das spielt hier keine Rolle.

Obwohl der Worte über 15 Trottel, die aus Blödheit und Langeweile auf die Idee kamen, Sorben klatschen zu fahren, eigentlich genug gewechselt waren, hält der Artikel noch ein paar interessante Anmerkungen bereit. So betont Diana Pawlikowa, dass die Leute in Panschwitz sich eigentlich zuvorderst als Panschwitzer sehen, und dann vielleicht als Sorben bzw. Deutsche. Ein sympathischer Gedanke, der einem aus dem ehemaligen Jugoslawien bekannt vorkommt. Alfons Ryćer meint: „Wenn ich mich am Telefon auf Sorbisch melde, fällt schon mal der Satz: ‚Wir sind doch hier in Deutschland!‘“ Warum der "Jugendfreund von Tillich" (so im Artikel) dann unlängst ausgerechnet der AfD beitreten musste, also einer Partei, die gemeinhin besonderen Wert darauf legt, dass "wir hier in Deutschland" seien, bleibt wohl sein Geheimnis. David Statnik betont, dass die Lausitz ein "gemeinsamer Schicksalsraum" von Sorben und Deutschen sei, den man auch gemeinsam schützen müsse und kommt damit der Herausforderung dieser Zeit, nämlich zu verbinden statt zu trennen, ziemlich nahe.

Den Vogel abgeschossen hat allerdings Stanisław Tillich, der einmal mehr die Sonntagsphrase vom vorgeblichen "1000-jährigen friedlichen Miteinander" von Sorben und Deutschen ins Feld führt. Abgesehen davon, dass tausend Jahre in Deutschland – wie auch in diesem Fall – bekanntlich sehr kurz sein können, trägt diese leider vielbenutzte Wendung kaum dazu bei, das Problem zu verstehen. Wer nach dem "friedlichen Miteinander" googelt, wird feststellen, dass von ihm meist die Rede ist, wenn es entweder nicht existiert oder zumindest arg bedroht ist. Ob zweiteres in der Lausitz der Fall ist, kann man diskutieren, mich interessiert aber ersteres.

Was Tillich – und jeder andere, der dieses rhetorische Muster bemüht – in seiner Sonntagsrede (bewusst?) unterschlägt, ist zum Ersten, dass es "Deutsche" im Sinne von ethnisch und/oder sprachlich Deutschen in den meisten sorbischen Dörfern erst seit reichlich 100 Jahren gibt, von einem "Miteinander" vor dem 19. Jahrhundert also praktisch von vornherein keine Rede sein kann. Es bestand wohl auch keine grundsätzliche Feindschaft; vielmehr war es vermutlich so, dass die meisten Sorben einfach keine Deutschen kannten, mit einigen Ausnahmen natürlich: Gutsherr, in regelmäßigen Abständen wiederkehrende Soldaten, gelegentlich Dorflehrer und später je nach Region Landvermesser oder Industrielle. Ersteren war der sorbische Bauer verpflichtet und musste ihnen dienen, die zweiteren musste er bei sich einquartieren, der Lehrer (oft genug auch selbst ein Sorbe) schlug seine Kinder mit dem Rohrstock, wenn sie die falsche Sprache benutzten und letztere gaben ihm zwar einen besseren Verdienst, baggerten dafür allerdings auch sein Dorf ab. Ob man das nach heutigen Maßstäben als "friedliches Miteinander" bezeichnen sollte, ist zumindest fraglich. In den meisten Fällen gab es einfach kein Miteinander, schon gar nicht "seit 1000 Jahren".

Soviel also zu den persönlichen Beziehungen, die zwischen "Sorben" und "Deutschen" (die sich unter diesen Namen auch noch nicht seit 1000 Jahren unterscheiden lassen) so bestanden. Interessanter ist aber noch ein zweiter Punkt: Dort, wo der sorbische Bauer noch am ehesten mit dem "Deutschen" in Kontakt kam, handelte es sich in der Regel um eine eher unpersönliche Beziehung zur deutsch(sprachig)en Obrigkeit, zum deutschen Staat. Schauen wir uns diese Beziehung etwas näher an, müssen wir allerdings feststellen, dass jenes "friedliche Miteinander" in den ersten 900 Jahren überwiegend aus Sprachverboten in Gerichten, Zünften, Schulen und Kirchen, aktiver Germanisierungspolitik und – zum dicken Ende hin – zeitweise handfester politischer Verfolgung durch verschiedene deutsche Staaten bestand. 

Beispiele für Sprachverbote kennen wir aus Leipzig, Altenburg und anderen früher sorbischen Gebieten bereits aus dem 14. Jahrhundert. Beispiele für einsprachig sorbische Dörfer, in denen auf Beschluss z.B. des Lübbener Konsistoriums der sorbische Gottesdienst durch deutschen ersetzt wurde, ebenfalls. Die Kinder, denen ihre Sprache vom Lehrer unter Einsatz der Prügelstrafe verboten wurde, fanden bereits Erwähnung. Weitere bedauerliche Einzelfälle finden sich u.a. bei Měrćin Wałda, der sich wiederum zu großen Teilen auf die Beschreibungen von Arnošt Muka (dort auf Sorbisch) aus den 1870er Jahren beruft. Lassen wir die unzähligen Bauernaufstände und die Tatsache, dass es tatsächlich slawische Stämme gab, die sich gegen ihre Einbeziehung in das Heilige Römische Reich wehrten, hier aus Zeitgründen einfach mal weg. Es ist auch so erkennbar, dass die Geschichte des "Tausendjährigen friedlichen Miteinanders" eine ziemlich asymmetrische ist, und wenn sie "friedlich" war, dann wohl oft nur, weil der Bauer keine Waffen hatte. Oder weil sich einfach keiner für die Sorben interessierte, da hinten in ihrer Lausitz.

Nun könnte man darüber natürlich reden. Gerade heute, seit ein paar Jahrzehnten, gibt es ja tatsächlich so etwas wie ein "Miteinander", manchmal sogar auf Augenhöhe. Man kann aber auch monatelang über 15 Nazitrottel reden. Letzteres ist einfacher. Klar ist, dass offensichtlich ethnisch motivierte Anfeindungen konsequent verfolgt und bestraft werden müssen. Aber die Frage, woher dieser Hass so "plötzlich" kommt, sollte doch naheliegen. Nicht, dass der am Ende etwas mit dem "Miteinander" zu tun hat? Nicht, dass Sorbenfeindlichkeit und genereller Hass gegen Leute, die anders sprechen, aussehen oder glauben, am Ende gut gehegte Traditionen sind, die es zu bekämpfen gilt? Man kann gegen solche Dinge angehen, auch wenn es mühsam ist und oft genug nicht zum Erfolg führen wird. Man kann sich aber auch zurücklehnen und vom "friedlichen Miteinander" schwafeln, das es niemals gab.


Zum selben Thema:

Mittwoch, 8. August 2012

Aus dem Deutschen Nationalensemble Bautzen


Mit diesem freundlichen Flyer wirbt das Sorbische Nationalensemble momentan für einen Familiensonntag in der Slawenburg Raddusch. Moment mal. Das SNE? Fehlt da nicht irgendetwas? Wer gedacht hatte, mit der Einstellung von Milena Vettraino - einer "waschechten Sorbin" - wäre mittlerweile wieder sorbischer Geist in das Ensemble eingekehrt (der vorher nicht da war?), der hat sich wohl getäuscht. In der Zwischenzeit mussten wir von einer Veranstaltung lesen, bei der vom Kinderchor beinahe ausschließlich deutsche Volkslieder gesungen wurden. Dem Niedersorbischen wurde vor Gericht abgesprochen, eine eigenständige Sprache zu sein. Ein sorbischer Bewerber für den Chor wurde abgewiesen, wobei die Begründung nicht wirklich klar wurde. Und jetzt sind wir offensichtlich schon bei einsprachig deutschem Werbematerial angelangt. Wer genau hingeschaut hat, dem wird ein gewisser Trend nicht verborgen geblieben sein. Auch in der folgenden Werbung ist bereits eine klare sprachliche Hierarchie zu erkennen:


Sorbische Trachten und Tänze sind schön und gut. Die Förderung des Sorbischen ist aber niemals und unter keinen Umständen möglich ohne die sorbische Sprache! Wenn das selbst der größten "sorbischen Institution" unter einer "sorbischen Intendantin" nicht klar ist, stellt sich für mich auf einmal wieder die Frage, wofür diese über 4 Millionen Euro jährlich von der sorbischen Stiftung erhält. Nichts gegen deutsche Volkslieder und deutsche Werbung. Aber müssen für ein deutsches Ensemble wirklich sorbische Gelder fließen?

Donnerstag, 28. Juni 2012

Serbska science-fiction z 19. lětstotka

Zaso raz zajimawy dokument, tónkróć z pjera wulkeho serbskeho wědomostnika Arnošta Muki: Pućowanje po Delnjej Łužicy z lěta 1876 nětko online na www.luzica.la. Komentar šefredaktora Noweho Casnika: "To se źinsa lazujo hejnak science-fiction-literatura." Prawje ma.

Donnerstag, 31. Mai 2012

Warum nicht auf Sorbisch?

Im Laufe der letzten Woche beklebten bisher unbekannte Aktivisten - womöglich beeinflusst durch ähnliche Aktionen in Wales, über die u.a. hier berichtet wurde - zahlreiche einsprachige Wegweiser und sonstige Schilder in und um Bautzen mit der Frage "A serbsce? Und auf sorbisch?". Die roten Aufkleber machten dabei auf den inakzeptablen Zustand der zweisprachigen Beschilderung in Bautzen aufmerksam. Bisher wird in der "sorbischen Hauptstadt" nämlich - abgesehen von einigen Orten in der näheren Umgebung und dem Deutsch-Sorbischen Volkstheater - fast nichts zweisprachig ausgeschildert. Das jedoch steht, wie heute auch in der Sächsischen Zeitung betont wurde, klar im Widerspruch zum Sächsischen Sorbengesetz (siehe unten) und auch zum Eigenanspruch der Stadt Bautzen, "Hauptstadt der Sorben" sein zu wollen.

Sorbische Medien - Rundfunk, Zeitung und Blogger - nahmen die Aktion zunächst mit Wohlwollen auf; auch Domowina-Vorsitzender Dawid Statnik äußerte sich in einem Telefoninterview unterstützend. Mit Genugtuung wurde auch registriert, dass die vom Ordnungsamt Bautzen zwischenzeitlich ohne Kommentar entfernten Aufkleber in der Westvorstadt "über Nacht zurückkehrten". Einer, der in solchen Fällen seine Stimme erheben sollte, tat dies schließlich auch und sorgte am Wochenende für das erste Auftauchen der Aufkleber-Aktion in der deutschen Presse.

 Zweisprachige Beschilderung...
...sucht man (nicht nur) in Bautzen leider oft vergeblich.

Gerade der "Beauftragte für sorbische Angelegenheiten" (!) des Landkreises Bautzen - Benedikt Cyž - verurteilte in einer Pressemitteilung die Aktion aufs Schärfste, unter Bezugnahme auf hanebüchene Argumente ("Verkehrssicherheit") und in einer völligen Ignoranz des Fakts, dass der Großteil der öffentlichen Schilder im sorbischen Siedlungsgebiet rechtswidrig einsprachig sind. Stattdessen beklagte er eine angebliche Gefährdung seines eigenen Projektes der längst überfälligen "Fehlerkorrektur" auf bereits jetzt zweisprachigen Schildern. Worin der Zusammenhang zwischen beiden Problemen besteht, erläuterte er dagegen nicht. Mit seiner Mitteilung stellte Cyž unglücklicherweise auch die Absurdität seiner Aufgabe im Landratsamt unter Beweis. Er ist sicher nicht zu beneiden um eine Anstellung, die ihn zwar verpflichtet, sich um sorbische Bedürfnisse zu kümmern, ihn andererseits aber auch in die engen Verwaltungsvorschriften seines Arbeitgebers zwängt. Dennoch war so mancher vor allem über den scharfen - stellenweise beinahe beleidigten - Ton der Mitteilung erschrocken:
"Leider gibt es Mitmenschen, die sich im Verborgenen mit dem Aufkleber „a serbsce – und sorbisch?“, angebracht an verschiedenen öffentlich zugänglichen Stellen und Informationspunkten, in Szene setzen wollen [...] ." - Im Verborgenen in Szene setzen? Wie stellt er sich das vor? Nun gut...
Nach einem Aufruf, die "sinnlosen Klebeaktionen" zu unterlassen, forderte Cyž schließlich sogar die Bautzener Bürger dazu auf, nächtliche Schilderstürmer künftig zu denunzieren:
"Neben der bereits erfolgten polizeilichen Anzeige gegen Unbekannt bitte ich alle Bürger
um ihre Mithilfe, damit diese Art von Sachbeschädigung und Eingriff in die Verkehrssicherheit zukünftig unterbleibt."
Ob dieser Appell im Sinne der sorbischen Mitbürger ist, die Benedikt Cyž zu vertreten hat, ist wohl zweifelhaft. Der sorbische Blogger Piwarc fordert jedenfalls schon - nicht unbedingt zu Unrecht - den Rücktritt von Cyž, der seine Aufgaben als Sorbenbeauftragter offenbar zugunsten der Belange des Straßenbauamtes zu vernachlässigen beginnt. Dass Cyž in Anbetracht seiner Aufgabe einen inakzeptablen und rechtswidrigen Zustand auf Bautzener Straßen verteidigt, ist nicht nur peinlich, sondern auch bedenklich. Zur rechtlichen Absicherung der anonymen Aktivisten, gegen die der Landkreis nun offensichtlich Anzeige erstattet hat, sei hier noch einmal das Sächsische Sorbengesetz, Paragraph 10 zitiert:
"Die Beschilderung im öffentlichen Raum durch die Behörden des Freistaates Sachsen und die seiner Aufsicht unterstehenden Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts, insbesondere an öffentlichen Gebäuden, Einrichtungen, Straßen, Wegen, öffentlichen Plätzen und Brücken, soll im sorbischen Siedlungsgebiet in deutscher und sorbischer Sprache erfolgen."
Mit anderen Worten ist die Aufkleber-Aktion im Sinne des sächsischen Gesetzes prinzipiell gerechtfertigt. Völlig unbeeindruckt davon der Sorbenbeauftragte des Landkreises in seiner Pressemitteilung u.a.:
"Zu beachten ist dabei, dass Orte, die außerhalb des sorbischen Siedlungsgebietes liegen, nicht zweisprachig beschriftet werden."
Aus welchem Grund sollte das "zu beachten sein", wo doch das Sorbengesetz kein Wort über eine solche Einschränkung verliert? Wer sagt das überhaupt? Eine Verwaltungsvorschrift, die älter ist als das Sächsische Sorbengesetz, gegen dessen Intention verstößt und daher schon vor 20 Jahren hätte angepasst werden müssen? Anstatt stur auf der Deutungshoheit seiner Behörde zu beharren, sollte sich Herr Cyž lieber Gedanken machen, warum das Landratsamt Bautzen aufgrund einer veralteten Verwaltungsentscheidung seit Jahren gegen geltendes sächsisches Recht verstößt und was er persönlich dagegen unternehmen könnte. Das gleiche gilt im Übrigen für die Stadt Bautzen, die sich mit ihrer ersten Reaktion auf die Aktion - der Benennung des Bußgeldes für "Ordnungswidrigkeiten" dieser Art - sicherlich keine Freunde gemacht hat.

Ohnehin ist es irritierend, dass den betroffenen Behörden keine bessere Antwort auf eine offenbar berechtigte Kritik an illegaler Einsprachigkeit einfällt, als das Drohen mit Bußgeldern und Anzeigen aufgrund von "Sachbeschädigung" und "Einschränkung der Verkehrssicherheit". Selbstverständlich kann man es sich als Verwaltung prinzipiell nicht bieten lassen, dass Unbekannte einfach so Stadt- oder Kreiseigentum bekleben. Ein wenig Selbstreflexion darf man doch aber wohl auch von Behörden erwarten, oder nicht? Und vor allem die Einhaltung und konsequente Durchsetzung geltenden sächsischen Rechts!

Mittwoch, 30. Mai 2012

Vettraino: Wirbt für Vielsprachigkeit

Anlässlich des Pfingstfestes sprach MDR Figaro mit verschiedenen Leuten über Vielsprachigkeit und ihre Vorzüge, unter anderem mit der Intendantin des Sorbischen Nationalensembles, Milena Vettraino. Die Features finden sich hier zum Nachhören.

Samstag, 26. Mai 2012

Balkanische Südsorben, Lausitzer Nordserben?

Häufig, wenn Sorben und Serben aufeinandertreffen, liegt die (zugegeben einleuchtende) Frage in der Luft, was denn nun beide miteinander zu tun hätten. Vor allem im serbisch-nationalistischen Spektrum beschäftigt man sich erstaunlich häufig mit den "Brüdern im Norden" oder den "Nordserben", wie man uns zwischen Belgrad und Niš gerne nennt. Die korrekte Bezeichnung ist im Serbischen (Kroatischen, Bosnischen, Montenegrinischen) übrigens "Lužički Srbi", also eben "Lausitzer Serben". Diese Form war bis ins 20. Jahrhundert hinein auch in deutschen Veröffentlichungen anzutreffen und sie hat einige Berechtigung, nennen die Sorben sich selbst doch "Serbja" und nicht etwa "Sorbja". Das "o" zwischen S und R wird von Einigen dann schnell mal als perfide deutsche Erfindung abgetan, um die serbischen Brüder in der Lausitz und auf dem Balkan auseinanderzubringen. Sind die Sorben also letztendlich nur Nordserben? Nicht ganz.

Im Sorbischen bezeichnet man jene Serben auf dem Balkan als "Južni Serbja", also "Südsorben". Es mag zunächst befremdlich klingen, aber eigentlich liegt man damit ganz richtig. Als die balkanischen Serben nämlich im frühen 9. Jahrhundert erstmals erwähnt wurden, hieß es "Sorabos, quae natio magnam Dalmatiae partem obtinere dicitur", also "Soraben, die den größten Teil Dalmatiens besiedeln", mit O. Das ist das gleiche O, mit dem verschiedene Chronisten die an Saale und Elbe siedelnden slawischen Völker, also die Vorfahren der heutigen Sorben, bezeichneten. Mit Fug und Recht könnte man also behaupten, die heutigen Serben seien "eigentlich" Südsorben.

Doch wie kommt es überhaupt, dass zwei so weit voneinander entfernte Völker beinahe den gleichen Namen tragen? Dazu gibt es mehrere Theorien, wobei die anerkannteste und glaubwürdigste jene ist: Im 6. und 7. Jahrhundert besiedelten slawische Stämme, aus Osten kommend, den Raum des heutigen Ostdeutschlands und gerieten an den Oberläufen von Saale und Main spätestens Mitte des 7. Jahrhunderts in blutige Konflikte mit den dort ansässigen Franken. Daher rühren auch die ersten urkundlichen Erwähnungen, die wir aus fränkischen Chroniken kennen. Eine gewisse Bekanntheit unter den Franken errang u.a. der sorbische Fürst Derwan. 

Vermutlich aufgrund der immer unruhigeren Lage im sorbisch-fränkischen Grenzgebiet verließ ein größerer Stammesverband in dieser Zeit die Gegend und wanderte in Richtung Süden. Dort - genauer in Dalmatien, vermutlich auch in den angrenzenden Gebieten - müssen sie im Jahr 822 (dem Jahr der Ersterwähnung auf dem Balkan) schon ziemlich verbreitet gewesen sein, wie wir oben gelesen haben. Aufgrund dieser dunklen Vorgeschichte, aus der nur wenige verlässliche Fakten gesichert sind, bezeichnete man spätestens seit dem 19. Jahrhundert die Lausitz als "Weißserbien", also als mythische Urheimat des serbischen Volkes. Das erklärt auch die Begeisterung vor allem in nationalistischen Kreisen.

So oder so ähnlich wirds wohl gewesen sein. Nur muss es natürlich "The Sorbs" heißen. (Grafik: Nexm0d, Wikimedia Commons, Public Domain)

Nun werden die Sorben, die bis heute die Lausitz bewohnen, von ethnonationalistischen Serben gerne als letzte Bastion ihres Volkes im Norden gesehen. Da wird dann schon einmal eine bewaffnete Befreiungsbewegung herbeifantasiert, die die Unabhängigkeit der Lausitz erkämpft. Dass Sorben und Serben zwei Völker mit zwei (eigentlich sogar drei) Sprachen sein sollen, kann gar nicht sein, schließlich sei man doch vor 1400 Jahren gemeinsam gekommen! Das mag wohl sein, dennoch greift (nicht nur) hier wieder einmal der große Irrtum des Ethnonationalismus: Völker im heutigen Sinne gab es im 7. Jahrhundert erstens noch nicht, zweitens beruhen ethnische Gruppen eben nicht hauptsächlich auf Abstammung, sondern meist auf gemeinsamer Sprache und immer auf einem Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gruppe. Anders gesagt: Wenn die Sorben gerne ein eigenes Volk sein wollen, dann sind sie auch eins!

Wann ist nun das rätselhafte "O" im Namen der Sorben aufgetaucht, wenn sie sich doch selbst als Serbja und serbski bezeichnen? Nach allem, was mir bekannt ist, gab es spätestens im 17. Jahrhundert (deutsche) Schriften, die von den "Sorberwenden" in der Lausitz schrieben. In Anbetracht der Menge an Quellen aus dem 9. und 10. Jahrhundert, die diese Schreibweise etablierten, scheint es wahrscheinlich, dass man sich bei der Wahl der deutschen Bezeichnung an der älteren lateinischen orientierte. Eine Erfindung großdeutscher Nationalisten, die das serbische Volk und seinen Namen in der Lausitz ausrotten wollten, ist sie jedenfalls nicht. Und ganz nebenbei: Wo ist bitte das "E" bei den Srbi? Na bitte.

Donnerstag, 12. April 2012

Konsequente Zweisprachigkeit: So wirds gemacht!

Es ist mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass sogenannte linguistic landscapes (also die Sichtbarkeit von Sprache(n) im öffentlichen Raum zweisprachiger Gebiete) einen wichtigen Einfluss auf das Miteinander von Mehrheit und Minderheit sowie auf ihr Selbstbewusstsein ausüben. Ist die kleinere Sprache überhaupt sichtbar, wenn ja in welchen Umfeldern und in welcher Größe? Nur ein Beispiel: Steht der sorbische Ortsname selbst in mehrheitlich sorbischen Dörfern nur halb so groß auf dem Ortsschild wie der deutsche, ist das nicht einfach nur eine willkürliche Festlegung, es transportiert auch eine Botschaft: Wir sind die Mehrheit, ihr die Minderheit. Oder eben genau andersherum, selbst wenn die tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort andere sein mögen.

Was öffentliche Zweisprachigkeit angeht, kann Wales mittlerweile als herausragendes Beispiel für so ziemlich alle anderen bilingualen Regionen Europas dienen. Das gilt jedoch auch dort erst seit den 1980er Jahren. Damals schwangen sich die Waliser - inspiriert vom erstarkenden Regionalismus in Großbritannien - zu einer in Anbetracht der Zahlenverhältnisse beeindruckenden Bewegung für die Gleichberechtigung ihrer Sprache auf. Im Laufe des Kampfes um eine wahre öffentliche Zweisprachigkeit kamen durchaus nicht immer nur legale Mittel zum Einsatz, letztendlich war er jedoch auf vielen Ebenen von Erfolg gekrönt. Mittlerweile ist der Walisisch-Unterricht in allen walisischen Schulen Pflicht und der Nachweis von Walisisch-Kenntnissen ein positives Kriterium bei der Jobsuche. Die folgenden Bilder entstanden vor drei Wochen in Wrecsam/Wrexham, Aberystwyth und Caerdydd/Cardiff und zeigen, wie sich die relativ neue konsequente Sprachpolitik der Waliser im öffentlichen Raum auswirkt.


Zweisprachige Straßenschilder sind auch bei uns ein gewohnter Anblick, allerdings mit kleinen, aber bedeutenden Unterschieden: In Wales ist alles zweisprachig ausgeschildert, in der Lausitz meist nur die Ortsnamen. In Wales sind beide Namen gleich groß und Walisisch steht an erster Stelle.Ungeachtet dessen, dass dieses Schild in Deutschland normalerweise unbeschriftet ist, sind in Wales selbst Parkuhren, Baustellenschilder und überhaupt alle Verkehrszeichen konsequent zweisprachig. Und in der Lausitz? Fehlanzeige!

Das gilt im Übrigen nicht nur für Straßenzeichen, sondern auch für die Straße selbst.

Briefkästen...

Sowie sämtliche Beschriftungen und Durchsagen an Bahnhöfen und in Zügen, die ganz nebenbei von einem großen Privatunternehmen (nämlich Arriva) betrieben werden...

Konsequente Zweisprachigkeit hört natürlich nicht an der Mülltonne auf:Und auch nicht am Hundehaufen:


Nun sollte die Umsetzung von Sprachpolitik durch Behörden und öffentliche Einrichtungen (eigentlich) nichts Besonderes sein, wenn es dementsprechende Gesetze, Satzungen und Richtlinien gibt. Viel interessanter ist, dass sie auch auf dem gewerblichen Sektor ziemlich durchgängig verwirklicht wird:

Nämlich an und sogar in Bankautomaten...

...an Postämtern......Versicherungsbüros...

...in Einkaufszentren...

...beim Rotary-Club...

...und sogar an Sushi-Bars.

Während es sich bei der öffentlichen Zweisprachigkeit, wie sie im größten Teil der Lausitz "gelebt" wird, um nicht viel mehr als eine Alibiveranstaltung handelt und Sorbisch im privat-kommerziellen Sektor bis auf wenige Ausnahmen quasi nicht vorkommt (erwähnen möchte ich hier allerdings stellvertretend die Volksbank, die zweisprachig Sicht- und Internetbannerwerbung macht), hat die walisische Bewegung für sprachliche Gleichberechtigung in den letzten beiden Jahrzehnten bereits so viel erreicht, dass es unangenehm auffällt, wenn doch mal ein Schild einsprachig geblieben ist.

Zu betonen ist, dass die Waliser sich ihre sprachlichen Rechte selbst erstritten haben. Alles, was in Wales gut funktioniert und in der Lausitz kaum, basiert auf der demokratischen Bewegung, die seit mehr als 20 Jahren demonstriert, Eingaben schreibt, Gesetzesänderungen erzwingt und Schilder überklebt. Der Weg zur sprachlichen Gleichberechtigung war und ist noch immer ein langer. Was jedoch in relativ kurzer Zeit für eine totgeglaubte Sprache erreicht wurde, kann auch für die sorbische Lausitz Mut machen. Die walisische Sprachpolitik kann auch uns den Weg aus der zu Ende gehenden Epoche des Nationalismus hin zu einem toleranten und gleichberechtigten sprachlichen und menschlichen Miteinander weisen. Bis dahin gibt es allerdings noch einiges zu tun.

Mittwoch, 25. Januar 2012

Schiemann setzt Prioritäten

Marko Schiemann, CDU-Landtagsabgeordneter für Bautzen und Umgebung, stellte sich heute gegen das von der schwarz-gelben Regierungskoalition in Dresden geplante Standortgesetz. Nicht generell, aber zumindest in puncto Bautzener Landgericht geht es dem sorbischen Parlamentarier gegen den Strich.

Schiemann reichte laut BILD-Zeitung einen Änderungsantrag ein, gemäß dem das Landgericht in der Spreestadt eigenständig bleiben soll. Er begründete seine Ablehnung wie zuvor schon der Rat für sorbische Angelegenheiten und der Bautzener Landrat mit dem sächsischen Sorbengesetz, dass Verhandlungen in sorbischer Sprache grundsätzlich möglich macht, aber eben nur in den "Heimatkreisen" der Sorben.

Die Erklärung dafür, warum er den Landkreis Bautzen als "Heimatkreis" versteht, den Landkreis Görlitz mit seinen vierzehn zum offiziellen Siedlungsgebiet zählenden Gemeinden jedoch nicht, blieb Schiemann indes schuldig.

Donnerstag, 19. Januar 2012

Mittellausitz retten - Vattenfall abbaggern!

Bis zum morgigen Freitag kann noch Jeder Widerspruch gegen die von Vattenfall beantragte Erweiterung des Tagebaus Nochten und damit gegen die Abbaggerung der Orte Rohne/Rowno und Mulkwitz/Mułkecy sowie die drohende Einkesselung von Mühlrose/Miłoraz einreichen.

Die Gemeinderäte der betroffenen Gemeinden Schleife und Trebendorf haben sich bereits gegen die Erweiterung ausgesprochen. In der gestrigen Ausgabe der Serbske Nowiny erklärte die Bürgermeisterin von Trebendorf, Kerstin Antonius: "Niemand von uns möchte seine Heimat und seinen Hof verlieren. Die Leute haben Angst und machen sich sorgen. Es geht um den Schutz unserer Natur und Umwelt." Die Ortsräte von Rohne und Mulkwitz wiesen darauf hin, dass die geplante Abbaggerung die sorbische Substanz gefährde und daher gegen das Sächsische Sorbengesetz verstoße.

Eine Musterstellungnahme gibt es hier. Man kann natürlich auch selbst eine verfassen. In jedem Fall müssen die Stellungnahmen bis morgen mittag beim Regionalen Planungsverband Oberlausitz-Niederschlesien, Käthe-Kollwitz-Straße 17, Haus 3, im Briefkasten landen.

Die nördlichen Ausbauten von Mulkwitz; Blick Richtung Rohne (Jörg Friebe, www.Lausitz-Bild.de; CC-BY-SA-3.0-DE)

Meine Stellungnahme lautet wie folgt:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich wende mich grundsätzlich gegen den Planentwurf. Auf die Inanspruchnahme des Abbaufeldes 2 ist zu verzichten und das Vorranggebiet aufzuheben. Die ausgelegte Planung ist weder umwelt- noch sozialverträglich, preiswerte Energieversorgung kann auch ohne das Abbaugebiet 2 gesichert werden. Es besteht kein überwiegendes öffentliches Interesse an diesem Plan. Auf den Abbau der Kohle hat Vattenfall keinen Anspruch, der Schutz von Bevölkerung und Klima ist aber zwingend zu gewährleisten.

Ich beziehe mich im Besonderen auf das Sächsische Sorbengesetz, Paragraph 2, Absatz 3, in dem es unmissverständlich heißt: „Das sorbische Volk und jeder Sorbe haben das Recht auf Schutz, Erhaltung und Pflege ihrer angestammten Heimat und ihrer Identität.” Die sich im beantragten Abbaufeld 2 befindlichen Orte Mühlrose/Miłoraz, Mulkwitz/Mułkecy, Rohne/Rowno sowie der Ortsteil von Schleife/Slepo zählen zum sorbischen Siedlungsgebiet. Sie stellen als Orte im Schleifer Kirchspiel die nahezu einzigen verbliebenen Orte der mittleren Lausitz dar, in denen sorbische Sprache, Kultur und Identität noch lebendig ist. Das zeigt sich u.a. an der Existenz des Njepila-Hofes, der Sorbischen Heimatstube und des WITAJ-Kindergartens in Rohne, ferner an den einzigartigen Schleifer Bräuchen und Trachten, die in den genannten Orten gepflegt werden.

Mit der euphemistisch als “Inanspruchnahme” bezeichneten drohenden Vernichtung des 1513 erstmals erwähnten Heidedorfes Rohne und seines vermutlich im 12. Jahrhundert gegründeten Nachbarortes Mulkwitz sowie der geplanten Umkreisung und damit verbundenen Entsiedelung des 1536 erstmals erwähnten Mühlrose würde der Tagebau Nochten die jahrhundertealte Besiedlung dieser Gegend und ein Stück Mittellausitzer Kulturgeschichte endgültig beenden. Bereits jetzt hat der Tagebau Nochten das Kirchdorf Tzschelln, große Teile von Mühlrose und Nochten, den Weißwasseraner Tiergarten, das Pücklersche Jagdschloss, den Eichgarten, das Teichgebiet der Jäseritzen und große Heidegebiete unwiederbringlich vernichtet.

Der Braunkohletagebau hat in den letzten acht Jahrzehnten mehr als 70 Orte mit etwa 26.000 Einwohnern in der mittleren Lausitz devastiert, wobei in den meisten die sorbische Sprache noch lebendig war. Die Orte im Schleifer Kirchspiel sind mittlerweile das letzte verbliebene Verbindungsglied zwischen dem obersorbischen Sprachgebiet im Süden und dem niedersorbischen im Norden. Der Schleifer Dialekt unterscheidet sich von beiden Standardsprachen, ist als Mittellausitzer Dialekt mithin einzigartig und daher unbedingt schutzbedürftig.

Der Erhalt sorbischer Sprache und Kultur ist unbedingt an den Erhalt bestehender intakter Strukturen gebunden, zu denen neben der typischen Bausubstanz und gewachsenen Ortsstruktur der betreffenden Heidedörfer auch deren Umgebung gehört. In der Soziologie ist man sich einig, dass sogenannte “emotional landscapes” – also “emotionale Landschaften” – eine entscheidende Rolle bei Identitätsbestimmung und Heimatgefühl spielen. Dazu gehören neben dem Heimatdorf an sich auch scheinbare “Kleinigkeiten” wie die alte Linde an der Weggabelung, die Sandkippe in der Nähe des Ortes, die im Winter als Rodelberg benutzt wird oder der Badeteich im Wald. Diese Orte sind Schauplätze persönlicher Erinnerungen, Teil von Familien- und damit Orts- und Regionalgeschichte.

Die Abbaggerung von Ortschaften ist Heimatverlust in seiner extremsten Form. Sie ist absoluter als z.B. die kriegsbedingte Vertreibung oder der arbeitsbedingte Wegzug, weil der persönliche Bezugspunkt an sich – also der Heimatort – unwiederbringlich und vollständig vernichtet wird. Eine etwaige Rückkehr zu den eigenen Wurzeln wird für immer verunmöglicht. Eine planmäßig angelegte Ersatzsiedlung kann diesen Verlust nicht kompensieren, siehe z.B. Neu-Horno oder Neu-Haidemühl bei Spremberg. Eine emotionale Bindung ist in diesen künstlich geschaffenen Orten nicht mehr möglich. Mit dem Verlust der emotionalen Bindung an den Heimatort verschwindet aber auch das Heimatgefühl und ein Großteil der Identität, die für den Sprach- und Kulturerhalt so wesentlich ist.

Auch für die nicht direkt betroffenen, aber in unmittelbarer Tagebaunähe gelegenen Orte bedeutet die Erweiterung des Tagebaus Nochten zum Einen den Verlust eines großen Teils der persönlichen Umgebung und zum Anderen eine Staub-, Lärm- und Verkehrsbelastung über mehrere Jahrzehnte.

Die Erweiterung des Tagebaus Nochten ist auch aus energiepolitischer Sicht nicht zu vertreten. Der Tagebau Reichwalde und das bisher in Anspruch genommene Abbaugebiet Nochten reichen für einen planmäßigen Weiterbetrieb des Kraftwerkes Boxberg aus, und zwar bis in eine Zeit, in der die großzügige Verstromung von Braunkohle im Zusammenhang mit der Energiewende nicht mehr notwendig sein wird. Es ist nicht akzeptabel, dass Vattenfall in Schweden Energie zu mehr als der Hälfte aus umwelt- und sozialverträglichen alternativen Energiequellen bezieht, andererseits aber in der Lausitz ohne Rücksicht auf Verluste großflächig devastiert.

Der Braunkohleabbau hat schon jetzt aus großen Teilen der deutsch-sorbisch bewohnten Mittellausitzer Heide eine unbewohnte, landschaftlich wertlose Mondlandschaft gemacht. Die Behauptung der “Rekultivierung” und “Renaturierung” ist, wie wir bereits jetzt in den ehemaligen Tagebaugebieten sehen können, eine Illusion. Große Teile der “renaturierten” Landschaft dürfen aufgrund der unsicheren Geländesituation voraussichtlich jahrzehntelang nicht wieder genutzt werden. Für eine weitere Vergrößerung des “Lausitzer Seenlandes” fehlt es schlicht an Wasserressourcen, die Spree, Schöps und Neiße nicht bieten können. An eine Wiederbesiedlung wird aus all diesen Gründen noch nicht einmal gedacht. Zurück bleibt leeres, nutzloses Land.

Auch im Hinblick auf die Belastungsgerechtigkeit ist es nicht vertretbar, für den Energiebedarf der weit entfernten Großstädte und Industriegebiete großflächig Lausitzer Kulturlandschaft zu vernichten. Die sorbischen und deutschen Einwohner der mittleren Lausitz haben im letzten Jahrhundert genügend Opfer für den Energiehunger verschiedener deutscher Staaten gebracht. Eine Beibehaltung dieser Praxis ist nicht mehr zeitgemäß und inakzeptabel.

Mit freundlichen Grüßen,
Julian Nitzsche

Blick über den Tagebau Nochten zum Kraftwerk Boxberg (Julian Nitzsche; CC-BY-SA 3.0)

Montag, 12. Dezember 2011

Die Rückeroberung der Ostgebiete beginnt

Wenn es nach der schwarz-gelben sächsischen Regierungskoalition geht, steht uns eine Wiedereingliederung der verloren geglaubten Landstriche im Osten unmittelbar bevor. Vorweg: Nein, natürlich nicht der deutschen. Pommern und Schlesien bleiben schön da, wo sie sind. Vielmehr sorgte das Kabinett Tillich für verwundertes Staunen in der Lausitz, als es aus heiterem Himmel vorschlug, den gesamten Landkreis Görlitz zum "Heimatkreis" der Sorben zu erklären. Von der Struga bis an die Mandau, oder so.

Nun ja, so ganz unerwartet kam das Manöver nicht, schließlich geht es eigentlich darum, ein Lieblingsprojekt der Regierung, nämlich die offenbar überfällige Strukturreform in der sächsischen Gerichtslandschaft, durchzusetzen. Eine angedachte Maßnahme im Zuge dessen sollte die Herabstufung des Bautzener Landgerichtes zu einer Görlitzer Außenstelle werden. Stadt, Landkreis und natürlich die Richter selbst waren empört ob dieser bevorstehenden Degradierung und zogen nach kurzer Bedenkzeit die Sorbenkarte aus dem Hut. Laut Sächsischem Sorbengesetz § 9 ist es im sorbischen Siedlungsgebiet - also z.B. in Bautzen - nämlich möglich, sich "vor Gerichten [...] der sorbischen Sprache zu bedienen", und zwar ohne, dass "Kostenbelastungen oder sonstige Nachteile" für den Bürger entstehen. Außerhalb des offiziellen Siedlungsgebietes - also z.B. in Görlitz - geht das in dieser Form nicht. Landgerichtspräsident Konrad Gatz wies dementsprechend darauf hin, dass das Recht der Sorben, vor Gericht Sorbisch zu sprechen, in Gefahr sei. Eine Einschränkung dieses Rechts - das selten genutzt wird, aber prinzipiell dennoch wichtig ist - sei unzulässig.

Das sorbische Siedlungsgebiet - bis jetzt (NordNordWest/Wikipedia, CC-BY-SA-3.0-DE)

Nachdem der Sturm der Entrüstung in den letzten Wochen etwas abgeflaut war, präsentierte nun der FDP-Landtagsabgeordnete, Sprecher für sorbische Angelegenheiten seiner Fraktion und Bautzener Stadtrat Mike Hauschild die simple Lösung, auf die zuvor aus unerfindlichen Gründen keiner gekommen war: Die Wiedereingliederung des Landkreises Görlitz in sorbisches Territorium. Oder, etwas weniger pathetisch formuliert, die Umwidmung des Landkreises Görlitz zu einem "sorbischen Heimatkreis", in welchem dann das Sächsische Sorbengesetz nebst allen Rechten und Pflichten Anwendung finden würde.

Natürlich gibt es im Norden des betroffenen Kreises bis heute Gemeinden, in denen das Sorbische mehr oder minder lebendig ist, unter anderem Schleife und Trebendorf. Und selbstverständlich liegen weiter südlich Dörfer, die noch vor 100 Jahren mehrheitlich sorbisch bewohnt waren, z.B. Krischa (seit 1936 Buchholz) in der Gemeinde Vierkirchen oder Großdehsa, Laucha und Nechen bei Löbau. Aber gleich der gesamte Landkreis? Bis nach Zittau? Das trägt zwar einen slawischen Namen, aber Sorbisch wird dort doch seit Jahrhunderten nicht mehr gesprochen. Nun gut, warum eigentlich nicht? Dann aber bitte gleich richtig! Mit zweisprachiger Beschilderung, sorbischen Kindergärten und Schulen, sorbischen Beamten in den Rathäusern und dem ganzen Drumherum, das schon bei uns so reibungslos funktioniert. Wegkreuze gibt's selbstverständlich gratis dazu. Wer die Gegend ein wenig kennt, kann sich in etwa vorstellen, wie groß die Begeisterung in Eibau, Niedercunnersdorf und Hirschfelde wäre. Was haben sich CDU und FDP da nur eingebrockt?

Hirngespinst oder bald schon Realität?

Vielleicht sollte sich die schwarz-gelbe Landesregierung unter "unserem" Ministerpräsidenten lieber um die Verwirklichung dessen kümmern, was schon jetzt im Sächsischen Sorbengesetz steht, nämlich z.B. um das "Recht auf Schutz, Erhaltung und Pflege ihrer angestammten Heimat" (§ 2, Absatz 3), welches meines Erachtens durch das klare Bekenntnis des Ministerpräsidenten zur Zukunft der Braunkohle und damit zur Abbaggerung der noch einigermaßen sorbischen Dörfer Rohne, Mulkwitz und Mühlrose mit Füßen getreten wird. Oder aber um Paragraf 10, der die zweisprachige Beschilderung fordert, die in den Randgebieten, gerade auch im Landkreis Görlitz, an vielen Ecken komplett fehlt. Oder auch um Paragraf 14, der eine "angemessene Berücksichtigung" der sorbischen Sprache und Kultur durch sorbischsprachige Sendungen und Beiträge in den Medien verlangt, die durch 25 Minuten im Monat kaum erfüllt sein dürfte. Und so weiter.

Solange noch nicht einmal das realisiert ist, was vor fast 20 Jahren gesetzlich verankert wurde, solange der "sorbische Ministerpräsident" die Heimat Vattenfall in die Baggerschaufel wirft, pfeife ich auf einen "Heimatkreis", der nichts weiter ist, als ein verzweifeltes Manöver zur Rettung einer undurchdachten Strukturreform.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Wem gehört unser Geld? Über Förderer und Bettler.

Im Umfeld der hitzigen Diskussionen um die Zukunft einiger sorbischer Institutionen schlich sich in den letzten beiden Wochen ein Element in die Berichterstattung ein, das dort vollkommen fehl am Platz ist. Wer genau hinschaute, konnte erkennen, dass die Diskussion mittlerweile auch wieder mit "ethnischen Argumenten" geführt wird. Dass sich am berüchtigten deutschen Stammtisch mehr oder weniger seit 1949 beschwert wird, "die Sorben" bekämen zu viel staatliche Förderung, oder das diese gleich komplett in Frage gestellt wird, ist nichts Neues. Das dieser Subtext nun auch in der öffentlichen Berichterstattung - auf deutscher und sorbischer Seite - auftaucht, dagegen schon.

Konkret geht es hier zum Einen um ein Interview mit dem Intendanten des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters, Lutz Hillmann, im Oberlausitzer Kurier. Das Theater wird - so der Beschluss der Stiftung für das sorbische Volk - ab 2013 200.000 Euro weniger pro Jahr erhalten. Unabhängig davon, ob dieser heftige Einschnitt verträglich oder gerechtfertigt ist, nimmt der Artikel gegen Ende eine seltsame Wendung. Zunächst wird FDP-Mann Reiner Deutschmann zitiert, der meint, "die Mittel von Bund, Freistaat Sachsen und Brandenburg würden nicht fürs "Verwalten" bereitgestellt". Dagegen kann man schlecht etwas einwenden. Der Artikel endet mit der Feststellung Hillmanns, man dürfe nicht vergessen, "dass es sich hier um Geld aus deutschen Steuermitteln handelt." Was will er uns damit sagen? Was soll hier der Hinweis, es handele sich um "deutsche" Steuermittel? Will man hier so tun, als würde das Theater von "den Sorben" kaputtgespart? Das Problem ist wohl kaum die Herkunft der Mittel, sondern deren Höhe und die Art ihrer Verteilung. Darauf kommen wir später noch einmal zurück.


Zum anderen war ich ziemlich überrascht über einen Kommentar von Serbske-Nowiny-Chefredakteur Janek Wowčer, der in der deutschsprachigen Dezember-Ausgabe der Zeitung erschien und sich auf die Lage im Sorbischen National-Ensemble bezog. Dass diese alles andere als perfekt ist, sollte mittlerweile klar sein. Auf der Schadźowanka sprach man vor drei Wochen schon vom SNE, "unserem sorbischen Griechenland". Seltsam mutet jedoch Wowčers Schlussbemerkung an: "Dass jetzt manch einer den Sorben den Geldhahn am liebsten sogar zudrehen würde, kann ich verstehen. Denn: Statt das Geld vernünftig in die Zukunft unseres Volkes zu investieren, verbraten wir es lieber wegen "dilettantischer" Fehler und Unwissen vor Gerichten." Bei allem Respekt und Verständnis: Diese Logik ist keine, die Stoßrichtung die falsche und die Schlussfolgerung gefährlich.

Offenbar diskutieren wir also auch über die Frage, wessen Geld es eigentlich ist, welches "wir" hier "verbraten". In beiden Artikeln bekommt man den Eindruck, es handele sich um Almosen vom "Staat" bzw. von "den Deutschen". Da ist die Rede von "deutschen Steuermitteln" und dem "Zudrehen des Geldhahns". Das ist in der Endkonsequenz auch nichts anderes, als der eingangs beschworene deutsche Stammtisch palavert. Meine Herren, es ist unser Geld, welches hier verbraten wird. Nicht nur, dass es dem sorbischen Volk aufgrund von Landes- und Bundesgesetzen zusteht, nein, es kommt auch direkt von uns. Die Stiftung finanziert sich aus staatlichen Mitteln, die wiederum aus Steuereinnahmen resultieren. Und zwar aus deutschen und sorbischen. Schließlich zahlt "der Sorbe" ebenso Steuern wie "der Deutsche". Dass das manche nicht begreifen wollen, scheint mir ein Grund für den schrägen Verlauf der Debatte zu sein.

Was also ist das Grundproblem? Erstens die unzureichende Höhe der Zuwendungen. Wenn wir davon ausgehen, dass die Stiftung momentan 16,8 Millionen Euro pro Jahr erhält, so sind das zunächst einmal 3,7 Millionen weniger als zur Gründung der Stiftung im Jahre 1991, worauf Detlef Kobjela erst kürzlich dankenswerterweise einmal wieder hinwies. Was ist der Grund für die Senkung des Gesamtbudgets? Wohl kaum die Annahme, dass es ja ohnehin von Jahr zu Jahr immer weniger Sorben gebe, oder? Die Mittel wurden also um fast 20 Prozent gekürzt, einige Institutionen mussten schon kurz nach der Wende geschlossen werden (bspw. die Zentralen Sprachschulen), andere verloren einen großen Teil ihrer Belegschaft. Doch damit hatte das Kaputtsparen der sorbischen Institutionenlandschaft noch lange kein Ende, wie wir momentan wieder sehen. Dieses Mal sind das Sorbische Institut und eben das Theater an der Reihe.

Fakt ist: Das durchschnittliche Steueraufkommen pro Kopf lag in Deutschland 2010 bei etwa 6476 Euro. Der durchschnittliche Betrag, den die Stiftung für das sorbische Volk pro Kopf erhält, liegt bei 280 Euro. Davon unterstützt sie dann also das einzige wissenschaftliche Forschungsinstitut, den einzigen Verlag inklusive aller einzigartiger Medien, das einzige professionelle Ensemble, das einzige professionelle Theater, das existenzsichernde Witaj-Projekt, die beiden Museen und - so nebenbei - auch noch Jugendarbeit, Großveranstaltungen wie das Folklorefestival, Projektarbeit usw. Auch wenn man natürlich kaum behaupten kann, Sorben würden nur sorbische Angebote nutzen und selbst, wenn man bedenkt, dass z.B. die gesamte Infrastruktur - Straßen, Schulen, Krankenhäuser etc. - ja quasi "unethnisch" ist, sind 280 Euro pro Kopf wohl kaum zu viel. Vor allem, wenn man bedenkt, dass im Durchschnitt eben auch jeder Sorbe seine 6476 Euro pro Jahr an das Staatswesen abführt. Richtig gerechnet zahlen also "die Deutschen" überhaupt nichts für sorbische Sprach- und Kulturpflege, und selbst "die Sorben" selbst nur lächerliche 4,3 Prozent ihrer Steuerausgaben (280/6476). Dabei unterstelle ich selbstverständlich, dass "den Sorben" z.B. der Fortbestand des deutschen Auslandsrundfunks (Deutsche Welle, 273,6 Mio. €/Jahr) oder die "Förderung kultureller Maßnahmen gemäß Bundesvertriebenengesetz" (14,6 Mio.) relativ egal ist. Wichtiger als deutscher Auslandsfunk wäre uns vielleicht endlich einmal ein eigener Radiosender. Soviel zum Mythos, "wir" bekämen zu viel Geld. Tatsächlich wendet der deutsche Staat pro Jahr ungefähr soviel für die gesamte sorbische Institutionenlandschaft auf, wie er für das Jüdische Museum in Berlin alleine ausgibt. Und das heißt nicht etwa, dass das JMB zu viel erhält.

Dieses unzureichende Geld muss nun verteilt werden. Da liegt das zweite grundlegende Problem: Verteilt wird es durch eine Stiftung, deren Stiftungsrat aus 15 Mitgliedern besteht, darunter allerdings gerade einmal sechs Sorben. Das bedeutet ganz einfach auf den Punkt gebracht, dass das sorbische Volk seine eigenen Finanzmittel, von denen ihm der deutsche Staat zu wenig "zugesteht", noch nicht einmal selbst verwalten darf. Das ist eine zweifellos interessante Form von "Minderheitenförderung" und ein krasser Fall von Bevormundung. Wir müssen also festhalten, dass im Zweifelsfall (z.B. bei anstehenden Kürzungen) zwar "die Sorben" schuld sind, de facto aber Deutsche entscheiden, wohin wenig Geld fließt und wohin keins. Zusätzlich kommt erschwerend hinzu, dass die sorbischen Ratsmitglieder teilweise befangen sind, was zumindest für Domowina-Geschäftsführer Bjarnat Cyž und SNE-Intendantin Milena Vettraino gelten dürfte. Grundlegende Entscheidungen sind in der heutigen Situation quasi nicht mehr möglich, wie wir erst bei der letzten Stiftungsratssitzung eindrucksvoll sehen konnten. Unterfinanziert und handlungsunfähig. Bravo.

Was ist also zu tun? Auch, wenn das mittlerweile schon allzu oft gesagt wurde: Meines Erachtens kann die Lösung nur in der Schaffung einer demokratisch gewählten sorbischen Volksvertretung liegen, die sowohl für die Verteilung der Mittel als auch für die Repräsentanz des sorbischen Volkes nach außen hin zuständig sein müsste. Vier ganz einfache Gründe dafür: 1. Die Mittel, die uns zur Verfügung stehen, stammen aus sorbischen Steuereinnahmen, sind also quasi "demokratisch akquiriert" und müssen daher auch demokratisch verteilt werden. 2. Die demokratische Konstruktion würde die Einbeziehung und Anteilnahme des gesamten sorbischen Volkes garantieren und den Effekt von persönlichen Befangenheiten und Abhängigkeiten deutlich schwächen. Gleichzeitig wären auch die Entscheidungen jene des sorbischen Volkes, welches dann in seiner Gesamtheit dafür verantwortlich wäre. 3. Das sorbische Volk dürfte damit erstmals selbst über die ihm zustehenden Gelder verfügen. 4. Die Legitimität, die ein demokratisch gewähltes Parlament nach innen und außen hätte, wäre deutlich größer, so dass auch der ausübbare Einfluss (z.B. beim nächsten zu erwartenden Streit über ein neues Finanzierungsabkommen) wachsen würde. Ein Parlament lässt sich schwerer ignorieren als ein eingetragener Verein.

Die Etablierung demokratischer Strukturen im Sorbenland ist eine große Aufgabe, die sicherlich noch ein wenig Zeit in Anspruch nehmen wird. Es gibt allerdings ein paar einfachere Dinge, die wir schon jetzt erledigen können: Legen wir endlich den antrainierten Bettler-Komplex ab und fordern selbstbewusst die Kontrolle über unsere eigenen Gelder! Hören wir auf damit, Verständnis für jene zu zeigen, die uns diese Gelder kürzen oder gar vorenthalten wollen! Und gehen wir doch einfach mal wieder demonstrieren!

Freitag, 2. Dezember 2011

Europeada 2012: Die Würfel sind gefallen.

Am gestrigen Donnerstag wurden in Berlin die Vorrundengruppen für die Europeada 2012 - die Fußballeuropameisterschaft der Minderheiten - ausgelost. Die Sorben treffen demnach in Gruppe A auf die Deutsche Minderheit aus Polen, die Kärntner Slowenen und eine Minderheitenauswahl aus Estland. Die Lizenz zum Durchmarsch ins Finale sieht definitiv anders aus.

Die weitere Gruppenaufstellung:

Gruppe B: Roma aus Ungarn, Deutsche aus Russland, Rätoromanen, Slowaken aus Ungarn
Gruppe C: Kroaten aus Serbien, Türken aus Westthrakien, Ladiner, Nordfriesen
Gruppe D: Südtiroler, Ungarndeutsche, Karatschaier, Deutsche aus Dänemark
Gruppe E: Dänen aus Deutschland, Zimbrer, Waliser, Okzitaner

Donnerstag, 24. November 2011

Innersorbische Querelen gelöst – SNE schafft Niedersorbisch ab

Um das Sorbische National-Ensemble wird es nicht ruhig. Eben erst musste die Intendantin und Geschäftsführerin Milena Vettraino zur Kenntnis nehmen, dass die aus “künstlerischen Gründen” erfolgten Kündigungen von fünf Musikern nicht rechtmäßig waren, schon tritt der nächste auf den Plan, der mit seiner Umstrukturierung nicht zufrieden ist. Diesmal geht es um Měto Benad, für den sich das Ensemble im Rahmen seiner Rundumerneuerung einen neuen Arbeitsplatz ausgedacht hat. Allerdings eben nicht in Bautzen, sondern im 70 km entfernten Cottbus.

Dass die neue Intendantin einen aus welchen Gründen auch immer unliebsamen Mitarbeiter offenbar auf diese Weise loswerden will, soll uns hier zunächst nicht weiter interessieren. Spannend wird die Geschichte ja erst, als Měto Benad sich gegen seine “Verbannung” nach Cottbus wehrt und den gerichtlichen Weg beschreitet. Seine Argumentation ist natürlich nicht, dass er keine Lust hat, allein in Cottbus zu arbeiten – was menschlich verständlich, aber rechtlich vermutlich nicht ausreichend wäre. Nein, er verweist sinngemäß darauf, dass in der Niederlausitz – wie allgemein bekannt – eine andere sorbische Sprache in Gebrauch sei, die er nicht beherrsche. Chapeau, möchte man meinen.

Doch hier tritt die geballte frische Gestaltungskraft des “neuen” SNE in den Ring. In der Erwiderung der vom Ensemble beauftragten Kanzlei Rosenberger & Koch wird das linguistische Argument mit einem Handstreich in der Luft zerfetzt. So heißt es dort: “Es ist gerichtsbekannt, dass ein Oberfranke im unterfränkischen Bereich, im oberbayerischen Bereich ebenso tätig sein kann, wie ein Chemnitzer in Dresden und umgekehrt.” Vom seltsamen Satzbau abgesehen, ist das auch inhaltlich gar kein großes Wunder. Schließlich sind Ostfränkisch (nicht “Ober”), Nordbairisch (mit “i” und ohne "e") und Mittelbairisch Dialekte, die derselben Standardsprache untergeordnet sind – nämlich dem Deutschen. Ebenso verhält es sich mit den Chemnitzern und Dresdnern, die zudem auch noch denselben Dialekt nutzen – nämlich das Obersächsische bzw. Meißnische.

Von der fehlenden Sinnhaftigkeit des ersten Satzes unbeeindruckt, fährt die Kanzlei folgenschwer fort und stellt fest: “Nicht anders verhält es sich mit dem obersorbischen und niedersorbischen Dialekt.”

Dialektale Beschriftung am Cottbusser Bahnhof (Bild: Mariusz Paździora, CC BY-SA 3.0)

Lieber Rosenberger, lieber Koch und liebe Frau Vettraino: Diese beiden “Dialekte” existieren ebensowenig wie “Ober-“ und “Unterfränkisch”. Ja, es gibt einen katholischen, einen Bautzener, einen Schleifer, und einen Cottbusser Dialekt. Ober- und Niedersorbisch dagegen sind zwei voneinander unabhängige Standardsprachen, die sich in Wort und Schrift teils erheblich unterscheiden. Mit einer linguistisch völlig fehlerhaften Bezeichnung dieser Sprachen als “Dialekte” betreibt die Gralshüterin der sorbischen Identität folglich nur eines: Die Abschaffung des Niedersorbischen. Und beschert uns damit auf einen Schlag ein paar Probleme weniger.

Anmerkung: Passender wäre an dieser Stelle der Vergleich Deutsch-Niederländisch gewesen, allerdings hätte dieser blöderweise der Argumentation des Ensembles völlig widersprochen. Einen anderen Ausweg böte die Versetzung des Mitarbeiters nach Wrocław oder Prag, wo er mithilfe der dortigen Dialekte hervorragend tätig werden könnte.

Man mag von der Vorgehensweise des Ensembles und seiner Kanzlei halten, was man will. Neidlos anerkennen muss man eines: Geschäftsführerin und Stiftungsrätin für das sorbische Volk Milena Vettraino hat etwas geschafft, was zuvor niemandem gelingen wollte. Sie hat mit ihrer revolutionären Erkenntnis einen konkreten Weg für künftige Einsparungen vorgezeichnet. Denn wenn sich das Sorbische Institut von nun an nur noch um eine, statt um zwei Sprachen kümmern muss, ist eine Einsparung von 25 % natürlich vollkommen gerechtfertigt. Und auch das Deutsch-Sorbische Volkstheater sollte mit der angedachten Kürzung von 200.000 Euro gut leben können, schließlich kann es auf Puppentheater im niedersorbischen Dialekt nun getrost verzichten. Ebenso überflüssig erscheint bei genauerer Betrachtung die weitere Herausgabe des Nowy Casnik, niedersorbischer Lehrbücher und der Weiterbetrieb des Cottbusser RBB-Studios.

Die auf diese Art und Weise eingesparten Gelder könnten dann vollständig in das rasch zu schaffende “Haus der sorbischen Sprache” weitergeleitet werden. Dieses muss sich von nun an schließlich um die Schaffung der neuen sorbischen Einheitssprache kümmern, Wörterbücher, Grammatiken und Lehrmaterialien erstellen und diese unter die Leute bringen. Und so hätten wir endlich auch dafür eine sinnstiftende Aufgabe gefunden. Das sorbische Volk ist seinem Ensemble zu unendlichem Dank verpflichtet.