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Freitag, 12. Januar 2018

Sorben und Sachsen – warum das kein Gegensatz ist


Dass in Sachsen Sorben leben, ist kein großes Geheimnis. Dass einer von ihnen die letzten Jahre Ministerpräsident des Freistaates war, ebenfalls nicht. Die aktuelle Debatte um die – auf vielen Ebenen unhaltbare – Aussage eines sächsischen Dorfbürgermeisters, Michael Kretschmer sei „der erste sächsische Ministerpräsident“ (nach zweien „aus den westlichen Bundesländern […] und einem Sorben“; sh. hier, ab 40:13) zeigt allerdings wieder einmal bedenkliche Bewusstseinslücken, was die Rolle der Sorben in Sachsen anbelangt – und zwar sowohl bei jenen, die diesem Unsinn nicht widersprechen und nicht widersprochen haben, als auch bei manchen, die Kretschmer und den MDR nun für ihre fehlende Intervention an jener Stelle kritisieren.
Stanislaw Tillich (CDU, CC-BY-SA 3.0)

Stanislaw Tillich, kein Sachse also. Wie denn auch, mit einem solchen Namen?¹ Gerade ihm, dem doch seine Partei als erstem in Sachsen geborenen² Ministerpräsidenten nach der Wende sogar den markigen Plakatspruch „Der Sachse“ verliehen hatte und der immerhin neun Jahre dem Freistaat vorstand, wird in einer Sendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – unwidersprochen – ganz nebenbei die sächsische Bürgerschaft entzogen. Ausgestoßen. Ein Fremder, keiner „von uns“. Diese Ausgrenzung stieß – leicht verspätet – auf medialen Rückhall, in den deutschen Medien erst einige Wochen nach besagter Sendung und nachdem der ehemalige Domowina-Vorsitzende Jan Nuk sie in Serbske Nowiny thematisiert und der Arzberger Bürgermeister sich in eben jener Zeitung entschuldigt hatte, er habe es „nicht so gemeint“.

Unmöglich ist die Bemerkung nicht nur, weil sie einen Teil der angestammten Bevölkerung des Freistaates – und zufällig jenen mit nicht-deutscher Muttersprache – einfach mal so „ausbürgert“, womit insbesondere Deutsche vor dem Hintergrund ihrer Geschichte sehr vorsichtig sein sollten. Unmöglich ist sie auch, weil „Sachse“ und „Sorbe“ schlicht keine Gegensätze sein können. Es handelt sich um grundverschiedene Kategorien, wobei eine die territoriale Herkunft, die andere die ethnische Zugehörigkeit beschreibt. Sachse ist, wer auf dem Gebiet des Freistaates Sachsen ansässig ist. Ob er zuhause Deutsch, „Sächsisch“³ oder eben Sorbisch spricht, ist dafür völlig egal.⁴

Wer ist Sachse?
Laut Sächsischer Verfassung, Artikel 5, gehören „dem Volk des Freistaates Sachsen […] Bürger deutscher, sorbischer und anderer Volkszugehörigkeit an.“ Die Verfassung meint hier Deutsche und Sorben im ethnischen Sinne, denn „Deutsche im Sinne des Grundgesetzes“, also deutsche Staatsbürger, sind Sorben selbstverständlich auch. Und sie schreibt bewusst „Deutsche und Sorben“, nicht etwa Sachsen. Das tut sie aus einem ganz einfachen Grund: Eine Ethnie der „Sachsen“ gibt es nicht (mehr) – und gab es auf dem Territorium des heutigen Freistaats auch nie, ebensowenig wie eine „Sächsische Sprache“. Der germanische Stammesbund der Sachsen lebte historisch zwischen der heutigen niederländischen Grenze im Westen und der unteren Elbe im Osten (also im heutigen Niedersachsen), wo seine Nachbarn slawische Stämme waren, die eine dem Sorbischen eng verwandte Sprache verwendeten. Die heutigen „Sachsen“ dagegen stammen nicht von jenem Volk ab, sondern zum Teil von fränkischen und thüringischen Kolonisten, die ab dem 12. Jahrhundert in die sorbisch besiedelten Gebiete zwischen Saale und Neiße einwanderten, zum Teil von späteren Einwanderern (u.a. hunderttausenden Umsiedlern aus Schlesien) und – zum großen Teil, wie man u.a. an ihren Familiennamen erkennen kann – eben von der sorbischen Vorbevölkerung. Da sich diese Linien über die Jahrhunderte selbstverständlich vermischten, trifft auf die meisten Sachsen wohl alles davon zu. Nicht auszuschließen ist, dass einige Sachsen sogar tatsächlich ethnisch sächsische Vorfahren haben – die Regel dürfte es nicht sein.
Sorben – irgendwie anders (Buchempfehlung: Elka Tschernokoschewa, Das Reine und das Vermischte. Die deutschsprachige Presse über Andere und Anderssein am Beispiel der Sorben. Waxmann, 2000.)
Sorben – Fremd und anders?
Verschiedentlich wurde der Nebensatz des Arzberger Bürgermeisters (in dessen Gemeinde  Orte so wunderbare Namen tragen wie Kaucklitz, Köllitsch und Triestewitz) in den letzten Tagen auch in deutschen Medien aufgegriffen und thematisiert. Die Ausgrenzung Tillichs, sein Herauswurf aus dem (nicht existenten) „sächsischen Volk“, wurde dabei auch in Zusammenhang gebracht mit dem in Sachsen stärker als anderswo verbreiteten „Fremdenhass“, der sich nun schon gegen die „eigene Minderheit“ richte, also gegen alles „Andere“ im Freistaat. Das Problem an dieser Stelle ist nur Folgendes: Wir Sorben sind in Sachsen weder „fremd“, noch „anders“. Wir sind Einheimische, deren Vorfahren dieses Land vor mehr als 1300 Jahren besiedelt haben.

Stanislaw Tillich – dem mancher es wohl übel nahm, dass er seine sorbische Muttersprache nicht verleugnete – sagte einmal, man könne darüber debattieren, wer „zuerst hier war“ – Sorben oder Deutsche. Nein, kann man nicht. Vor der Einwanderung besagter Kolonisten ab dem 12. Jahrhundert sprachen die Einwohner des heutigen Sachsens – Milzener, Daleminzier, Besunzane und ihre verwandten Stämme, die an Neiße, Spree, Elbe und Mulde lebten – kein „Deutsch“ (und erst recht kein „Sächsisch“), sondern verschiedene slawische Mundarten der sorbischen Gruppe. Und natürlich nannten sie sich auch nicht „Sachsen“, sondern höchstwahrscheinlich „Sarby“, „Serby“ oder „Sorby“. Als slawischsprachige Sorben erhalten geblieben sind einzig einige Nachfahren der Milzener in der Ober- und der Lusitzer in der Niederlausitz. Was aber geschah mit dem Rest? Wo sind die Nachfahren der Daleminzier und Besunzane?

Wer war eher da?
Nahezu das gesamte Territorium des heutigen Freistaats – abgesehen von den gebirgigen Regionen am Südrand – hat (auch) eine sorbische Geschichte. Nur ist sie in den meisten Gegenden eben schon etwas länger her als in der Lausitz, wo es noch vor 130 Jahren Orte gab, in denen die wenigsten Bewohner Deutsch beherrschten. Dass Orte in Sachsen aus dem Sorbischen stammende Namen wie Dresden („Auenbewohner“), Leipzig („Lindenort“), Chemnitz („Steinbach“) oder Oelsnitz („Erlenbach“) tragen, ist schließlich kein Zufall. Es liegt schlicht daran, dass die meisten sächsischen Städte sich aus sorbischen Dörfern entwickelten. Aus dem selben Grund sind slawischstämmige Familiennamen wie Noack, Pietsch oder eben auch Kretschmer in ganz Sachsen verbreitet.

Nun sind die Sorben von Leipzig, Dresden und Chemnitz nicht einfach verschwunden, sie wurden nicht vertrieben und auch nicht ethnisch gesäubert und durch Deutsche ersetzt. Nein, sie haben schlicht im Laufe der letzten acht Jahrhunderte ihre sorbische Sprache abgelegt und wurden zu Deutschen. Ja, ethnische Zugehörigkeit und Muttersprache lassen sich wechseln – zugegeben ebenfalls eine Binsenweisheit, die heutzutage nicht sonderlich populär ist. Aus Sorben können Deutsche werden – und umgekehrt, wofür es in der Lausitz einige Beispiele gibt. Wie dieser Prozess abläuft, lässt sich bei uns rund um Bautzen bis heute beobachten. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg war die Bevölkerungsmehrheit in Orten wie Malschwitz oder Guttau sorbischsprachig und es gab eine Reihe sorbischer Vereine, die in diesen Orten wirkten. Heute leben dort nur noch ein paar einzelne Sorben, aber das heißt nicht, dass die anderen verschwunden wären. Nein, sie sind schlicht die Vorfahren der heutigen Bewohner, freilich mit der Ausnahme jener Familien, die nach 1945 aus Schlesien zuwanderten oder noch später aus anderen Gegenden hinzukamen.

Das zeigt gleichermaßen, dass die Debatte darüber, wer „eher da war“, einigermaßen sinnlos ist. Wir können anhand der Siedlungsgeschichte zweifelsfrei feststellen, dass zuerst Sorbisch und erst später Deutsch gesprochen wurde. In einigen Lausitzer Dörfern hielt das Deutsche erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts Einzug.

Die Frage, wer „Erster“ war, ist jedoch auch generell irreführend, eben weil die Mehrheit der heutigen „Sachsen“ über kurz oder lang zumindest zum Teil von der sorbischsprachigen Vorbevölkerung abstammt, auch wenn das den meisten nicht bewusst sein mag – übrigens auch vielen Sorben nicht. An diesem Punkt führt selbst die sächsische Verfassung in die Irre, die die Existenz zweier voneinander getrennter Staatsvölker in Sachsen nahelegt. Tatsächlich ist natürlich sowohl der Wechsel von der einen in die andere Gruppe als auch eine doppelte Identifizierung ohne Weiteres möglich. Um die Perspektive zu wechseln, könnte man daher auch von einem einheitlichen „sächsischen Staatsvolk“ sprechen, dessen kleinerer Teil bis heute Sorbisch spricht, während der größere Teil die Sprache irgendwann im Laufe der letzten 45 Generationen gewechselt hat.

Bewusstseinslücken

Ein großes Problem bleibt, dass dieser sorbische Teil der sächsischen Geschichte den wenigsten im Freistaat überhaupt bekannt ist. Als Sorben kennen sie jenes bunt gekleidete Völkchen zwischen Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda, dass zu Ostern durch die Gegend reitet und Eier bemalt. Dass diese Leute und ihre „fremde“ Sprache irgendetwas mit ihnen, ihrer Heimat und ihrer Familiengeschichte zu tun haben könnten, kommt ihnen überhaupt nicht in den Sinn. Leider beschränkt sich schon der Heimatkundeunterricht, und zwar nicht nur außerhalb der Lausitz, auf eben genau dieses Sorbenbild, anstatt zu erwähnen, aus welcher Sprache die Namen beinahe aller größeren sächsischen Städte und ein Großteil der Familiennamen der „Sachsen“ stammen. Und die Tatsache, dass sich der MDR mit einer halben Stunde sorbischen Fernsehens monatlich (!) begnügt, während es in Österreich immerhin für ein halbstündiges Magazin in der Woche auf Slowenisch und Burgenlandkroatisch reicht, macht das Ganze nicht besser. Projekte wie der erst kürzlich erschienene Film „Die Slawen – unsere geheimnisvollen Vorfahren“⁵ sind ein guter Ansatz, das zu ändern, auch wenn rätselhaft bleibt, warum die interviewten sorbischen Wissenschaftler nur in der sorbischsprachigen Version des Films, nicht jedoch in der deutschen zu Wort kommen. Vielleicht würde ja ein größeres Bewusstsein über die slawischen Wurzeln dieses Landes sogar der einen oder anderen leidigen Debatte um finanzielle Mittel für den Erhalt und die Entwicklung sorbischer Sprache und Kultur einen anderen Ton – und eine andere Wichtigkeit – verleihen.


Sorbische Sprache und Kultur sind untrennbar mit Sachsen verbunden und haben dessen Geschichte und seine Bewohner über lange Zeit mitgeprägt – in der Lausitz bis heute. Dass man diesen Teil der eigenen Identität, die doch besonders in Sachsen gerne hochgehalten wird, des Öfteren vergisst, in schlimmeren Fällen gar verleugnet, ist erstaunlich in einem Land, dass oft (zu oft?) darauf bedacht ist, seine Eigenheiten zu bewahren. Dass zu diesen Eigenheiten auch der Umstand zählt, dass der Großteil Sachsens und seiner Bevölkerung eben nicht nur eine „deutsche“ Geschichte hat, gehört allen Sachsen ins Stammbuch geschrieben. Vielleicht lassen sich dann ja auch einige andere Probleme etwas entspannter angehen.


Update: Michael Kretschmer hat nach einem Treffen mit sorbischen Vertretern am 25. Januar (Vogelhochzeit) dann doch noch einmal klargestellt, dass die Sorben zu Sachsen gehören:

 https://twitter.com/MPKretschmer/status/956459126627885056




1: Darauf zielte auch der in Sachsen und insbesondere beim MDR-Publikum äußerst populäre Kabarettist Uwe Steimle mit seiner Nebenbemerkung in der WDR-Sendung „Mitternachtsspitzen“ vom 23. Mai 2015, wo er nicht nur antisemitische Stereotypen bediente, sondern Tillich auch als „unseren sorbischen Ministerpräsidenten“ bezeichnete und höhnisch ergänzte: „Das hört man ja, Stanisław, das ist ein deutscher Name.“ (sh. hier, ab 05:20) Diesen "Witz" erzählt Steimle im Übrigen schon seit einer Weile.

2: Und zwar in Neudörfel/Nowa Wjeska im heutigen Landkreis Bautzen, einem Ort, der bis heute mehrheitlich sorbischsprachig ist.
3: Die Anführungszeichen beziehen sich darauf, dass im linguistischen Sinne kein Mensch in Sachsen die (ausgestorbene) Sächsische Sprache spricht.
4: Freilich sind nicht alle Sorben gleichzeitig Sachsen, sondern manche – nämlich jene in der Niederlausitz – stattdessen Brandenburger. Komischerweise hat man noch nie gehört, dass ihnen diesen Status irgendwer im nördlichen Nachbarland hätte aberkennen wollen. Zugleich würde auch kein Mensch auf die Idee kommen, von der Existenz einer „brandenburgischen Ethnie“ zu fabulieren. 
Des weiteren fühlen sich längst nicht alle sächsischen Sorben auch als „Sachsen“, wie u.a. eine Untersuchung von Leoš Šatava zu Sprachverhalten und ethnischer Identität bei sorbischen Schülern zeigte. Das jedoch ist eine individuelle Entscheidung, die noch lange niemanden berechtigt, uns im eigenen Land mal eben zu „Fremden“ zu erklären.
5: Hervorhebung im Titel durch mich.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Wem gehört unser Geld? Über Förderer und Bettler.

Im Umfeld der hitzigen Diskussionen um die Zukunft einiger sorbischer Institutionen schlich sich in den letzten beiden Wochen ein Element in die Berichterstattung ein, das dort vollkommen fehl am Platz ist. Wer genau hinschaute, konnte erkennen, dass die Diskussion mittlerweile auch wieder mit "ethnischen Argumenten" geführt wird. Dass sich am berüchtigten deutschen Stammtisch mehr oder weniger seit 1949 beschwert wird, "die Sorben" bekämen zu viel staatliche Förderung, oder das diese gleich komplett in Frage gestellt wird, ist nichts Neues. Das dieser Subtext nun auch in der öffentlichen Berichterstattung - auf deutscher und sorbischer Seite - auftaucht, dagegen schon.

Konkret geht es hier zum Einen um ein Interview mit dem Intendanten des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters, Lutz Hillmann, im Oberlausitzer Kurier. Das Theater wird - so der Beschluss der Stiftung für das sorbische Volk - ab 2013 200.000 Euro weniger pro Jahr erhalten. Unabhängig davon, ob dieser heftige Einschnitt verträglich oder gerechtfertigt ist, nimmt der Artikel gegen Ende eine seltsame Wendung. Zunächst wird FDP-Mann Reiner Deutschmann zitiert, der meint, "die Mittel von Bund, Freistaat Sachsen und Brandenburg würden nicht fürs "Verwalten" bereitgestellt". Dagegen kann man schlecht etwas einwenden. Der Artikel endet mit der Feststellung Hillmanns, man dürfe nicht vergessen, "dass es sich hier um Geld aus deutschen Steuermitteln handelt." Was will er uns damit sagen? Was soll hier der Hinweis, es handele sich um "deutsche" Steuermittel? Will man hier so tun, als würde das Theater von "den Sorben" kaputtgespart? Das Problem ist wohl kaum die Herkunft der Mittel, sondern deren Höhe und die Art ihrer Verteilung. Darauf kommen wir später noch einmal zurück.


Zum anderen war ich ziemlich überrascht über einen Kommentar von Serbske-Nowiny-Chefredakteur Janek Wowčer, der in der deutschsprachigen Dezember-Ausgabe der Zeitung erschien und sich auf die Lage im Sorbischen National-Ensemble bezog. Dass diese alles andere als perfekt ist, sollte mittlerweile klar sein. Auf der Schadźowanka sprach man vor drei Wochen schon vom SNE, "unserem sorbischen Griechenland". Seltsam mutet jedoch Wowčers Schlussbemerkung an: "Dass jetzt manch einer den Sorben den Geldhahn am liebsten sogar zudrehen würde, kann ich verstehen. Denn: Statt das Geld vernünftig in die Zukunft unseres Volkes zu investieren, verbraten wir es lieber wegen "dilettantischer" Fehler und Unwissen vor Gerichten." Bei allem Respekt und Verständnis: Diese Logik ist keine, die Stoßrichtung die falsche und die Schlussfolgerung gefährlich.

Offenbar diskutieren wir also auch über die Frage, wessen Geld es eigentlich ist, welches "wir" hier "verbraten". In beiden Artikeln bekommt man den Eindruck, es handele sich um Almosen vom "Staat" bzw. von "den Deutschen". Da ist die Rede von "deutschen Steuermitteln" und dem "Zudrehen des Geldhahns". Das ist in der Endkonsequenz auch nichts anderes, als der eingangs beschworene deutsche Stammtisch palavert. Meine Herren, es ist unser Geld, welches hier verbraten wird. Nicht nur, dass es dem sorbischen Volk aufgrund von Landes- und Bundesgesetzen zusteht, nein, es kommt auch direkt von uns. Die Stiftung finanziert sich aus staatlichen Mitteln, die wiederum aus Steuereinnahmen resultieren. Und zwar aus deutschen und sorbischen. Schließlich zahlt "der Sorbe" ebenso Steuern wie "der Deutsche". Dass das manche nicht begreifen wollen, scheint mir ein Grund für den schrägen Verlauf der Debatte zu sein.

Was also ist das Grundproblem? Erstens die unzureichende Höhe der Zuwendungen. Wenn wir davon ausgehen, dass die Stiftung momentan 16,8 Millionen Euro pro Jahr erhält, so sind das zunächst einmal 3,7 Millionen weniger als zur Gründung der Stiftung im Jahre 1991, worauf Detlef Kobjela erst kürzlich dankenswerterweise einmal wieder hinwies. Was ist der Grund für die Senkung des Gesamtbudgets? Wohl kaum die Annahme, dass es ja ohnehin von Jahr zu Jahr immer weniger Sorben gebe, oder? Die Mittel wurden also um fast 20 Prozent gekürzt, einige Institutionen mussten schon kurz nach der Wende geschlossen werden (bspw. die Zentralen Sprachschulen), andere verloren einen großen Teil ihrer Belegschaft. Doch damit hatte das Kaputtsparen der sorbischen Institutionenlandschaft noch lange kein Ende, wie wir momentan wieder sehen. Dieses Mal sind das Sorbische Institut und eben das Theater an der Reihe.

Fakt ist: Das durchschnittliche Steueraufkommen pro Kopf lag in Deutschland 2010 bei etwa 6476 Euro. Der durchschnittliche Betrag, den die Stiftung für das sorbische Volk pro Kopf erhält, liegt bei 280 Euro. Davon unterstützt sie dann also das einzige wissenschaftliche Forschungsinstitut, den einzigen Verlag inklusive aller einzigartiger Medien, das einzige professionelle Ensemble, das einzige professionelle Theater, das existenzsichernde Witaj-Projekt, die beiden Museen und - so nebenbei - auch noch Jugendarbeit, Großveranstaltungen wie das Folklorefestival, Projektarbeit usw. Auch wenn man natürlich kaum behaupten kann, Sorben würden nur sorbische Angebote nutzen und selbst, wenn man bedenkt, dass z.B. die gesamte Infrastruktur - Straßen, Schulen, Krankenhäuser etc. - ja quasi "unethnisch" ist, sind 280 Euro pro Kopf wohl kaum zu viel. Vor allem, wenn man bedenkt, dass im Durchschnitt eben auch jeder Sorbe seine 6476 Euro pro Jahr an das Staatswesen abführt. Richtig gerechnet zahlen also "die Deutschen" überhaupt nichts für sorbische Sprach- und Kulturpflege, und selbst "die Sorben" selbst nur lächerliche 4,3 Prozent ihrer Steuerausgaben (280/6476). Dabei unterstelle ich selbstverständlich, dass "den Sorben" z.B. der Fortbestand des deutschen Auslandsrundfunks (Deutsche Welle, 273,6 Mio. €/Jahr) oder die "Förderung kultureller Maßnahmen gemäß Bundesvertriebenengesetz" (14,6 Mio.) relativ egal ist. Wichtiger als deutscher Auslandsfunk wäre uns vielleicht endlich einmal ein eigener Radiosender. Soviel zum Mythos, "wir" bekämen zu viel Geld. Tatsächlich wendet der deutsche Staat pro Jahr ungefähr soviel für die gesamte sorbische Institutionenlandschaft auf, wie er für das Jüdische Museum in Berlin alleine ausgibt. Und das heißt nicht etwa, dass das JMB zu viel erhält.

Dieses unzureichende Geld muss nun verteilt werden. Da liegt das zweite grundlegende Problem: Verteilt wird es durch eine Stiftung, deren Stiftungsrat aus 15 Mitgliedern besteht, darunter allerdings gerade einmal sechs Sorben. Das bedeutet ganz einfach auf den Punkt gebracht, dass das sorbische Volk seine eigenen Finanzmittel, von denen ihm der deutsche Staat zu wenig "zugesteht", noch nicht einmal selbst verwalten darf. Das ist eine zweifellos interessante Form von "Minderheitenförderung" und ein krasser Fall von Bevormundung. Wir müssen also festhalten, dass im Zweifelsfall (z.B. bei anstehenden Kürzungen) zwar "die Sorben" schuld sind, de facto aber Deutsche entscheiden, wohin wenig Geld fließt und wohin keins. Zusätzlich kommt erschwerend hinzu, dass die sorbischen Ratsmitglieder teilweise befangen sind, was zumindest für Domowina-Geschäftsführer Bjarnat Cyž und SNE-Intendantin Milena Vettraino gelten dürfte. Grundlegende Entscheidungen sind in der heutigen Situation quasi nicht mehr möglich, wie wir erst bei der letzten Stiftungsratssitzung eindrucksvoll sehen konnten. Unterfinanziert und handlungsunfähig. Bravo.

Was ist also zu tun? Auch, wenn das mittlerweile schon allzu oft gesagt wurde: Meines Erachtens kann die Lösung nur in der Schaffung einer demokratisch gewählten sorbischen Volksvertretung liegen, die sowohl für die Verteilung der Mittel als auch für die Repräsentanz des sorbischen Volkes nach außen hin zuständig sein müsste. Vier ganz einfache Gründe dafür: 1. Die Mittel, die uns zur Verfügung stehen, stammen aus sorbischen Steuereinnahmen, sind also quasi "demokratisch akquiriert" und müssen daher auch demokratisch verteilt werden. 2. Die demokratische Konstruktion würde die Einbeziehung und Anteilnahme des gesamten sorbischen Volkes garantieren und den Effekt von persönlichen Befangenheiten und Abhängigkeiten deutlich schwächen. Gleichzeitig wären auch die Entscheidungen jene des sorbischen Volkes, welches dann in seiner Gesamtheit dafür verantwortlich wäre. 3. Das sorbische Volk dürfte damit erstmals selbst über die ihm zustehenden Gelder verfügen. 4. Die Legitimität, die ein demokratisch gewähltes Parlament nach innen und außen hätte, wäre deutlich größer, so dass auch der ausübbare Einfluss (z.B. beim nächsten zu erwartenden Streit über ein neues Finanzierungsabkommen) wachsen würde. Ein Parlament lässt sich schwerer ignorieren als ein eingetragener Verein.

Die Etablierung demokratischer Strukturen im Sorbenland ist eine große Aufgabe, die sicherlich noch ein wenig Zeit in Anspruch nehmen wird. Es gibt allerdings ein paar einfachere Dinge, die wir schon jetzt erledigen können: Legen wir endlich den antrainierten Bettler-Komplex ab und fordern selbstbewusst die Kontrolle über unsere eigenen Gelder! Hören wir auf damit, Verständnis für jene zu zeigen, die uns diese Gelder kürzen oder gar vorenthalten wollen! Und gehen wir doch einfach mal wieder demonstrieren!