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Mittwoch, 8. August 2012

Aus dem Deutschen Nationalensemble Bautzen


Mit diesem freundlichen Flyer wirbt das Sorbische Nationalensemble momentan für einen Familiensonntag in der Slawenburg Raddusch. Moment mal. Das SNE? Fehlt da nicht irgendetwas? Wer gedacht hatte, mit der Einstellung von Milena Vettraino - einer "waschechten Sorbin" - wäre mittlerweile wieder sorbischer Geist in das Ensemble eingekehrt (der vorher nicht da war?), der hat sich wohl getäuscht. In der Zwischenzeit mussten wir von einer Veranstaltung lesen, bei der vom Kinderchor beinahe ausschließlich deutsche Volkslieder gesungen wurden. Dem Niedersorbischen wurde vor Gericht abgesprochen, eine eigenständige Sprache zu sein. Ein sorbischer Bewerber für den Chor wurde abgewiesen, wobei die Begründung nicht wirklich klar wurde. Und jetzt sind wir offensichtlich schon bei einsprachig deutschem Werbematerial angelangt. Wer genau hingeschaut hat, dem wird ein gewisser Trend nicht verborgen geblieben sein. Auch in der folgenden Werbung ist bereits eine klare sprachliche Hierarchie zu erkennen:


Sorbische Trachten und Tänze sind schön und gut. Die Förderung des Sorbischen ist aber niemals und unter keinen Umständen möglich ohne die sorbische Sprache! Wenn das selbst der größten "sorbischen Institution" unter einer "sorbischen Intendantin" nicht klar ist, stellt sich für mich auf einmal wieder die Frage, wofür diese über 4 Millionen Euro jährlich von der sorbischen Stiftung erhält. Nichts gegen deutsche Volkslieder und deutsche Werbung. Aber müssen für ein deutsches Ensemble wirklich sorbische Gelder fließen?

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Wem gehört unser Geld? Über Förderer und Bettler.

Im Umfeld der hitzigen Diskussionen um die Zukunft einiger sorbischer Institutionen schlich sich in den letzten beiden Wochen ein Element in die Berichterstattung ein, das dort vollkommen fehl am Platz ist. Wer genau hinschaute, konnte erkennen, dass die Diskussion mittlerweile auch wieder mit "ethnischen Argumenten" geführt wird. Dass sich am berüchtigten deutschen Stammtisch mehr oder weniger seit 1949 beschwert wird, "die Sorben" bekämen zu viel staatliche Förderung, oder das diese gleich komplett in Frage gestellt wird, ist nichts Neues. Das dieser Subtext nun auch in der öffentlichen Berichterstattung - auf deutscher und sorbischer Seite - auftaucht, dagegen schon.

Konkret geht es hier zum Einen um ein Interview mit dem Intendanten des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters, Lutz Hillmann, im Oberlausitzer Kurier. Das Theater wird - so der Beschluss der Stiftung für das sorbische Volk - ab 2013 200.000 Euro weniger pro Jahr erhalten. Unabhängig davon, ob dieser heftige Einschnitt verträglich oder gerechtfertigt ist, nimmt der Artikel gegen Ende eine seltsame Wendung. Zunächst wird FDP-Mann Reiner Deutschmann zitiert, der meint, "die Mittel von Bund, Freistaat Sachsen und Brandenburg würden nicht fürs "Verwalten" bereitgestellt". Dagegen kann man schlecht etwas einwenden. Der Artikel endet mit der Feststellung Hillmanns, man dürfe nicht vergessen, "dass es sich hier um Geld aus deutschen Steuermitteln handelt." Was will er uns damit sagen? Was soll hier der Hinweis, es handele sich um "deutsche" Steuermittel? Will man hier so tun, als würde das Theater von "den Sorben" kaputtgespart? Das Problem ist wohl kaum die Herkunft der Mittel, sondern deren Höhe und die Art ihrer Verteilung. Darauf kommen wir später noch einmal zurück.


Zum anderen war ich ziemlich überrascht über einen Kommentar von Serbske-Nowiny-Chefredakteur Janek Wowčer, der in der deutschsprachigen Dezember-Ausgabe der Zeitung erschien und sich auf die Lage im Sorbischen National-Ensemble bezog. Dass diese alles andere als perfekt ist, sollte mittlerweile klar sein. Auf der Schadźowanka sprach man vor drei Wochen schon vom SNE, "unserem sorbischen Griechenland". Seltsam mutet jedoch Wowčers Schlussbemerkung an: "Dass jetzt manch einer den Sorben den Geldhahn am liebsten sogar zudrehen würde, kann ich verstehen. Denn: Statt das Geld vernünftig in die Zukunft unseres Volkes zu investieren, verbraten wir es lieber wegen "dilettantischer" Fehler und Unwissen vor Gerichten." Bei allem Respekt und Verständnis: Diese Logik ist keine, die Stoßrichtung die falsche und die Schlussfolgerung gefährlich.

Offenbar diskutieren wir also auch über die Frage, wessen Geld es eigentlich ist, welches "wir" hier "verbraten". In beiden Artikeln bekommt man den Eindruck, es handele sich um Almosen vom "Staat" bzw. von "den Deutschen". Da ist die Rede von "deutschen Steuermitteln" und dem "Zudrehen des Geldhahns". Das ist in der Endkonsequenz auch nichts anderes, als der eingangs beschworene deutsche Stammtisch palavert. Meine Herren, es ist unser Geld, welches hier verbraten wird. Nicht nur, dass es dem sorbischen Volk aufgrund von Landes- und Bundesgesetzen zusteht, nein, es kommt auch direkt von uns. Die Stiftung finanziert sich aus staatlichen Mitteln, die wiederum aus Steuereinnahmen resultieren. Und zwar aus deutschen und sorbischen. Schließlich zahlt "der Sorbe" ebenso Steuern wie "der Deutsche". Dass das manche nicht begreifen wollen, scheint mir ein Grund für den schrägen Verlauf der Debatte zu sein.

Was also ist das Grundproblem? Erstens die unzureichende Höhe der Zuwendungen. Wenn wir davon ausgehen, dass die Stiftung momentan 16,8 Millionen Euro pro Jahr erhält, so sind das zunächst einmal 3,7 Millionen weniger als zur Gründung der Stiftung im Jahre 1991, worauf Detlef Kobjela erst kürzlich dankenswerterweise einmal wieder hinwies. Was ist der Grund für die Senkung des Gesamtbudgets? Wohl kaum die Annahme, dass es ja ohnehin von Jahr zu Jahr immer weniger Sorben gebe, oder? Die Mittel wurden also um fast 20 Prozent gekürzt, einige Institutionen mussten schon kurz nach der Wende geschlossen werden (bspw. die Zentralen Sprachschulen), andere verloren einen großen Teil ihrer Belegschaft. Doch damit hatte das Kaputtsparen der sorbischen Institutionenlandschaft noch lange kein Ende, wie wir momentan wieder sehen. Dieses Mal sind das Sorbische Institut und eben das Theater an der Reihe.

Fakt ist: Das durchschnittliche Steueraufkommen pro Kopf lag in Deutschland 2010 bei etwa 6476 Euro. Der durchschnittliche Betrag, den die Stiftung für das sorbische Volk pro Kopf erhält, liegt bei 280 Euro. Davon unterstützt sie dann also das einzige wissenschaftliche Forschungsinstitut, den einzigen Verlag inklusive aller einzigartiger Medien, das einzige professionelle Ensemble, das einzige professionelle Theater, das existenzsichernde Witaj-Projekt, die beiden Museen und - so nebenbei - auch noch Jugendarbeit, Großveranstaltungen wie das Folklorefestival, Projektarbeit usw. Auch wenn man natürlich kaum behaupten kann, Sorben würden nur sorbische Angebote nutzen und selbst, wenn man bedenkt, dass z.B. die gesamte Infrastruktur - Straßen, Schulen, Krankenhäuser etc. - ja quasi "unethnisch" ist, sind 280 Euro pro Kopf wohl kaum zu viel. Vor allem, wenn man bedenkt, dass im Durchschnitt eben auch jeder Sorbe seine 6476 Euro pro Jahr an das Staatswesen abführt. Richtig gerechnet zahlen also "die Deutschen" überhaupt nichts für sorbische Sprach- und Kulturpflege, und selbst "die Sorben" selbst nur lächerliche 4,3 Prozent ihrer Steuerausgaben (280/6476). Dabei unterstelle ich selbstverständlich, dass "den Sorben" z.B. der Fortbestand des deutschen Auslandsrundfunks (Deutsche Welle, 273,6 Mio. €/Jahr) oder die "Förderung kultureller Maßnahmen gemäß Bundesvertriebenengesetz" (14,6 Mio.) relativ egal ist. Wichtiger als deutscher Auslandsfunk wäre uns vielleicht endlich einmal ein eigener Radiosender. Soviel zum Mythos, "wir" bekämen zu viel Geld. Tatsächlich wendet der deutsche Staat pro Jahr ungefähr soviel für die gesamte sorbische Institutionenlandschaft auf, wie er für das Jüdische Museum in Berlin alleine ausgibt. Und das heißt nicht etwa, dass das JMB zu viel erhält.

Dieses unzureichende Geld muss nun verteilt werden. Da liegt das zweite grundlegende Problem: Verteilt wird es durch eine Stiftung, deren Stiftungsrat aus 15 Mitgliedern besteht, darunter allerdings gerade einmal sechs Sorben. Das bedeutet ganz einfach auf den Punkt gebracht, dass das sorbische Volk seine eigenen Finanzmittel, von denen ihm der deutsche Staat zu wenig "zugesteht", noch nicht einmal selbst verwalten darf. Das ist eine zweifellos interessante Form von "Minderheitenförderung" und ein krasser Fall von Bevormundung. Wir müssen also festhalten, dass im Zweifelsfall (z.B. bei anstehenden Kürzungen) zwar "die Sorben" schuld sind, de facto aber Deutsche entscheiden, wohin wenig Geld fließt und wohin keins. Zusätzlich kommt erschwerend hinzu, dass die sorbischen Ratsmitglieder teilweise befangen sind, was zumindest für Domowina-Geschäftsführer Bjarnat Cyž und SNE-Intendantin Milena Vettraino gelten dürfte. Grundlegende Entscheidungen sind in der heutigen Situation quasi nicht mehr möglich, wie wir erst bei der letzten Stiftungsratssitzung eindrucksvoll sehen konnten. Unterfinanziert und handlungsunfähig. Bravo.

Was ist also zu tun? Auch, wenn das mittlerweile schon allzu oft gesagt wurde: Meines Erachtens kann die Lösung nur in der Schaffung einer demokratisch gewählten sorbischen Volksvertretung liegen, die sowohl für die Verteilung der Mittel als auch für die Repräsentanz des sorbischen Volkes nach außen hin zuständig sein müsste. Vier ganz einfache Gründe dafür: 1. Die Mittel, die uns zur Verfügung stehen, stammen aus sorbischen Steuereinnahmen, sind also quasi "demokratisch akquiriert" und müssen daher auch demokratisch verteilt werden. 2. Die demokratische Konstruktion würde die Einbeziehung und Anteilnahme des gesamten sorbischen Volkes garantieren und den Effekt von persönlichen Befangenheiten und Abhängigkeiten deutlich schwächen. Gleichzeitig wären auch die Entscheidungen jene des sorbischen Volkes, welches dann in seiner Gesamtheit dafür verantwortlich wäre. 3. Das sorbische Volk dürfte damit erstmals selbst über die ihm zustehenden Gelder verfügen. 4. Die Legitimität, die ein demokratisch gewähltes Parlament nach innen und außen hätte, wäre deutlich größer, so dass auch der ausübbare Einfluss (z.B. beim nächsten zu erwartenden Streit über ein neues Finanzierungsabkommen) wachsen würde. Ein Parlament lässt sich schwerer ignorieren als ein eingetragener Verein.

Die Etablierung demokratischer Strukturen im Sorbenland ist eine große Aufgabe, die sicherlich noch ein wenig Zeit in Anspruch nehmen wird. Es gibt allerdings ein paar einfachere Dinge, die wir schon jetzt erledigen können: Legen wir endlich den antrainierten Bettler-Komplex ab und fordern selbstbewusst die Kontrolle über unsere eigenen Gelder! Hören wir auf damit, Verständnis für jene zu zeigen, die uns diese Gelder kürzen oder gar vorenthalten wollen! Und gehen wir doch einfach mal wieder demonstrieren!

Donnerstag, 24. November 2011

Innersorbische Querelen gelöst – SNE schafft Niedersorbisch ab

Um das Sorbische National-Ensemble wird es nicht ruhig. Eben erst musste die Intendantin und Geschäftsführerin Milena Vettraino zur Kenntnis nehmen, dass die aus “künstlerischen Gründen” erfolgten Kündigungen von fünf Musikern nicht rechtmäßig waren, schon tritt der nächste auf den Plan, der mit seiner Umstrukturierung nicht zufrieden ist. Diesmal geht es um Měto Benad, für den sich das Ensemble im Rahmen seiner Rundumerneuerung einen neuen Arbeitsplatz ausgedacht hat. Allerdings eben nicht in Bautzen, sondern im 70 km entfernten Cottbus.

Dass die neue Intendantin einen aus welchen Gründen auch immer unliebsamen Mitarbeiter offenbar auf diese Weise loswerden will, soll uns hier zunächst nicht weiter interessieren. Spannend wird die Geschichte ja erst, als Měto Benad sich gegen seine “Verbannung” nach Cottbus wehrt und den gerichtlichen Weg beschreitet. Seine Argumentation ist natürlich nicht, dass er keine Lust hat, allein in Cottbus zu arbeiten – was menschlich verständlich, aber rechtlich vermutlich nicht ausreichend wäre. Nein, er verweist sinngemäß darauf, dass in der Niederlausitz – wie allgemein bekannt – eine andere sorbische Sprache in Gebrauch sei, die er nicht beherrsche. Chapeau, möchte man meinen.

Doch hier tritt die geballte frische Gestaltungskraft des “neuen” SNE in den Ring. In der Erwiderung der vom Ensemble beauftragten Kanzlei Rosenberger & Koch wird das linguistische Argument mit einem Handstreich in der Luft zerfetzt. So heißt es dort: “Es ist gerichtsbekannt, dass ein Oberfranke im unterfränkischen Bereich, im oberbayerischen Bereich ebenso tätig sein kann, wie ein Chemnitzer in Dresden und umgekehrt.” Vom seltsamen Satzbau abgesehen, ist das auch inhaltlich gar kein großes Wunder. Schließlich sind Ostfränkisch (nicht “Ober”), Nordbairisch (mit “i” und ohne "e") und Mittelbairisch Dialekte, die derselben Standardsprache untergeordnet sind – nämlich dem Deutschen. Ebenso verhält es sich mit den Chemnitzern und Dresdnern, die zudem auch noch denselben Dialekt nutzen – nämlich das Obersächsische bzw. Meißnische.

Von der fehlenden Sinnhaftigkeit des ersten Satzes unbeeindruckt, fährt die Kanzlei folgenschwer fort und stellt fest: “Nicht anders verhält es sich mit dem obersorbischen und niedersorbischen Dialekt.”

Dialektale Beschriftung am Cottbusser Bahnhof (Bild: Mariusz Paździora, CC BY-SA 3.0)

Lieber Rosenberger, lieber Koch und liebe Frau Vettraino: Diese beiden “Dialekte” existieren ebensowenig wie “Ober-“ und “Unterfränkisch”. Ja, es gibt einen katholischen, einen Bautzener, einen Schleifer, und einen Cottbusser Dialekt. Ober- und Niedersorbisch dagegen sind zwei voneinander unabhängige Standardsprachen, die sich in Wort und Schrift teils erheblich unterscheiden. Mit einer linguistisch völlig fehlerhaften Bezeichnung dieser Sprachen als “Dialekte” betreibt die Gralshüterin der sorbischen Identität folglich nur eines: Die Abschaffung des Niedersorbischen. Und beschert uns damit auf einen Schlag ein paar Probleme weniger.

Anmerkung: Passender wäre an dieser Stelle der Vergleich Deutsch-Niederländisch gewesen, allerdings hätte dieser blöderweise der Argumentation des Ensembles völlig widersprochen. Einen anderen Ausweg böte die Versetzung des Mitarbeiters nach Wrocław oder Prag, wo er mithilfe der dortigen Dialekte hervorragend tätig werden könnte.

Man mag von der Vorgehensweise des Ensembles und seiner Kanzlei halten, was man will. Neidlos anerkennen muss man eines: Geschäftsführerin und Stiftungsrätin für das sorbische Volk Milena Vettraino hat etwas geschafft, was zuvor niemandem gelingen wollte. Sie hat mit ihrer revolutionären Erkenntnis einen konkreten Weg für künftige Einsparungen vorgezeichnet. Denn wenn sich das Sorbische Institut von nun an nur noch um eine, statt um zwei Sprachen kümmern muss, ist eine Einsparung von 25 % natürlich vollkommen gerechtfertigt. Und auch das Deutsch-Sorbische Volkstheater sollte mit der angedachten Kürzung von 200.000 Euro gut leben können, schließlich kann es auf Puppentheater im niedersorbischen Dialekt nun getrost verzichten. Ebenso überflüssig erscheint bei genauerer Betrachtung die weitere Herausgabe des Nowy Casnik, niedersorbischer Lehrbücher und der Weiterbetrieb des Cottbusser RBB-Studios.

Die auf diese Art und Weise eingesparten Gelder könnten dann vollständig in das rasch zu schaffende “Haus der sorbischen Sprache” weitergeleitet werden. Dieses muss sich von nun an schließlich um die Schaffung der neuen sorbischen Einheitssprache kümmern, Wörterbücher, Grammatiken und Lehrmaterialien erstellen und diese unter die Leute bringen. Und so hätten wir endlich auch dafür eine sinnstiftende Aufgabe gefunden. Das sorbische Volk ist seinem Ensemble zu unendlichem Dank verpflichtet.

Montag, 7. Februar 2011

Milena Vettraino im Tagesspiegel: Viel Fantasie, wenig Wahres dran.

Am Sonntag veröffentlichte der Berliner "Tagesspiegel" einen Bericht über Milena Vettraino (Intendantin SNE) und die Sorben in Bautzen. Zunächst einmal lobenswert, dass sich eine große deutsche Zeitung mal wieder des Themas annimmt, was ja nun so häufig nicht vorkommt. Der Artikel ist allerdings gut gefüllt mit einer ganzen Menge Halb- und auch einigen glatten Unwahrheiten, was die Freude empfindlich trübt. Eine Auswahl:

Tagesspiegel: Sie [die sorbische Volksgruppe] wanderte vor über 1400 Jahren aus Böhmen und Schlesien ein, ihre Sprache behielt sie über die Jahrhunderte bei, ebenso ihre Folklore.

Tatsache: Vor 1400 Jahren stimmt. Allerdings klingt es hier so, als seien die Vorfahren der Sorben zuvor in Böhmen und Schlesien heimisch gewesen. Das war nach dem Stand der Forschung nicht der Fall. Richtig ist, dass sie über Böhmen und Schlesien aus dem Osten und Süden einwanderten.

Tagesspiegel: Die politische Bedeutung der westslawischen Volksgruppe ist groß. [...] Nur kulturell wird die Volksgruppe kaum wahrgenommen.

Tatsache: Dem kann man kaum zustimmen. Wenn die Sorben von Nicht-Sorben überhaupt wahrgenommen werden, dann wohl meistens über die Folklore. Osterreiten, Ostereier, Vogelhochzeit, Trachten usw.; das sind die Dinge, die wohl die meisten als erstes nennen würden. Über Sprache und Geschichte wissen dann schon deutlich weniger Bescheid und das die politische Bedeutung "groß" wäre, widerlegt sich von selbst, wenn man sich Ereignisse wie den Streit um die Crostwitzer Mittelschule oder das ständige Gezerre um die Förderhöhe für die Stiftung ansieht.

Tagesspiegel: Es gibt zweisprachige Straßennamen und Behördendokumente in doppelter Ausführung.

Tatsache: Ersteres stimmt wohl, nach zweiterem muss man schon sehr lange suchen. Die wenigsten Gesetze und Behördendokumente existieren in einer amtlichen sorbischen Fassung.

Tagesspiegel: Die 41-Jährige [...] ist die neue Intendantin des Sorbischen Nationalensembles (SNE), eines 100-Leute-Betriebs mit Ballett, Chor und Orchester.

Tatsache: Da hat man wohl die Kündigungswelle, die ja Milena Vettraino gerade umsetzt, schlicht übersehen.

Tagesspiegel: Die Intendantin spricht von einer Mauer zwischen Sorben und Nichtsorben in Bautzen. [...] Am Ende steht man vor dem Dom, in dessen Inneren die Teilung plastisch wird: in Form eines Zauns. [...] Auf der einen Seite beten die Protestanten, auf der anderen die Katholiken, zu Letzteren zählen die meisten Obersorben.

Tatsache: Jetzt wird es langsam absurd. Der Zaun im Dom ist das Relikt der konfessionellen Trennung der Kirche, die seit dem 16. Jahrhundert besteht. Damals waren die meisten Sorben in Bautzen und Umgebung allerdings noch Protestanten. Selbst wenn es stimmt, das die Mehrzahl der Sorben heute katholisch ist, so gehen in den Petridom doch vorwiegend deutsche Katholiken. Die sorbisch-katholische Messe hat ihren Platz in Bautzen nämlich in der Liebfrauenkirche. Also absoluter Unsinn.

Tagesspiegel: Immerhin, denn umgekehrt kommt es für die meisten Lausitzer nicht infrage, Sorbisch zu lernen.

Tatsache: Natürlich enthält der Bericht nicht nur Unwahrheiten. Gut, dass das mal erwähnt wurde.

Tagesspiegel: 81 Zentimeter beträgt die Neigung [des Reichenturms], ein beliebtes Fotomotiv.

Tatsache: Neigung? Normalerweise spricht man hier von der Abweichung vom Lot, die beträgt aber 1,44 m.

Tagesspiegel: Dass Bautzen im Zweiten Weltkrieg nicht wie [...] Dresden in Schutt und Asche gebombt wurde, habe auch daran gelegen, dass die russischen Kriegsgegner die Stadt mit dem slawischen Brudervolk verschonen wollten, erzählt Milena Vettraino.

Tatsache: Meine Güte. So viele Fehler in nur einem Satz. Dresden wurde bekanntlich von Briten und Amerikanern angegriffen, nicht von Russen. Bautzen allerdings wurde Ende April 1945 durch heftige Gefechte zwischen Deutschen und Russen schwer beschädigt, und nicht etwa "verschont". Schließlich hatte man die Stadt noch zur Festung erklärt, als schon alles zu spät war.

Und gleich weiter: Demnach sind sorbische Mütter mit ihren Kindern den russischen Soldaten bei Kriegsende vor der Stadt entgegengekommen, um ihnen die Rachegelüste auszureden.

Tatsache: Es gab tatsächlich sorbische Dörfer, in denen blau-rot-weiße Flaggen gehisst und Schilder aufgestellt wurden, die auf die ansässige slawische Bevölkerung hinwiesen. In vielen Fällen wurden diese Dörfer dann auch tatsächlich verschont. Von Bautzen selbst ist derartiges allerdings nicht bekannt. Und an Mütter, die mit ihren Kindern (!) der anrückenden Roten Armee entgegeneilen, während in der Stadt selbst noch die Wehrmacht sitzt, sollte eigentlich nicht mal der Tagesspiegel glauben.

Dazu heißt es dann auch: Die Legende ist nicht verbürgt, aber die Sorben erzählen sie gerne.

Das kann ich nicht bestätigen. Wenn sie "gerne erzählt" würde, hätte man vermutlich schon mal etwas davon gehört. Das ist nicht der Fall.

Tagesspiegel: Dass es nur noch halb so viele internationale Tourneen geben soll, da seien sowieso nur irgendwelche Kindermusicals gespielt worden.

Tatsache: Es wurde tatsächlich auch das Kindermusical Knax gespielt, das nichts mit sorbischer Kultur zu tun hat. Das aber nur irgendwelche Kindermusicals aufgeführt wurden, ist nichts weiter als eine bösartige Unterstellung, die hoffentlich nicht von Frau Vettraino selbst stammt.

Tagesspiegel: Doch Milena Vettraino hat sich schwere Gegner ausgesucht. Denn Bautzen ist bis heute Synonym für etwas anderes: die Haftanstalt für politische Gefangene der DDR.

Tatsache: Da hat ja wohl das eine absolut gar nichts mit dem anderen zu tun.

Tagesspiegel: Sie [Vettraino] will mehr Deutsche im Theater einstellen...

So? In der Lausitz meint sie immer, das SNE - welches vermutlich mit "Theater" gemeint ist - solle endlich wieder sorbisch werden, nach den langen "deutschen" Rögner-Jahren. Halte nur ich das für einen Widerspruch?

Fazit: Wenn in der überregionalen Presse über uns geschrieben wird, ist das schön und wünschenswert. Wenn die Berichterstattung allerdings einhergeht mit klaren Fehlinformationen, ja sogar mit Unterstellungen, dann können wir uns das Ganze schenken. Wer hier fürchterlich geschlampt hat, kann ich nicht sagen. Einerseits vermutlich der Redakteur des Tagesspiegels. Andererseits sollte man sich so einen Artikel schon noch einmal vor Drucklegung zusenden lassen, gerade wenn man ganz offenbar kontroverse Themen angesprochen hat.

Wenn so etwas am Ende dabei herauskommt, ist Niemandem geholfen.